Das Originalreview mit Cover, Bandinfos, Links sowie eine Druck- und Versandversion ist hier nachzulesen:
http://www.metalglory.de/reviews.php?nr=14330
Dream Theater "Score (live)"
Reviewtext: 1985 haben sich ein paar langhaarige Musikstudenten in New York... ach, was solls, über die Geschichte ist genügend geschrieben worden: Dream Theater haben Anfang dieses Jahres ihr 20-jähriges Bestehen mit einer Tour gefeiert, deren letztes Konzert vom 1. April in der Radio City Music Hall in New York nun auf drei CDs oder alternativ einer DVD (plus Bonus-DVD) erhältlich ist. Sie haben nicht einfach nur Songs von der aktuellen Scheibe <i>Octavarium</i> gespielt, sondern präsentieren einen irren Querschnitt mit Songs von allen Platten, teils begleitet von einem Orchester. Hier soll es nur um die Musik der drei CDs gehen, der DVD ist der nächste Beitrag gewidmet.
Nach zwei Einheizer-Songs der <i>Octavarium</i> bringen sie <i>Another Won</i>, einen uralten Song. Er stammt aus der Zeit vor dem ersten Plattenvertrag, als sie sich noch Majesty nannten und ist bislang nur auf dem Re-Release der ersten Demobänder auf Portnoys eigenem Label <a href="http://www.ytsejamrecords.com/ProductCart/pc/viewPrd.asp?idcategory=6&idproduct=11" target="_blank">Ytse Jam</a> zu finden. Live haben sie den ordentlichen, im Vergleich ziemlich Rush-lastigen Song schon auf einigen Tourneen gespielt.
Mit <i>Afterlife</i> bringen sie von ihrer ersten Scheibe <i>When Day And Dream Unite</i> einen der interessantesten Songs, der mir in der Tat im Blut geblieben ist. Sänger LaBrie übernimmt erwartungsgemäß problemlos den Part des damaligen Frontmanns Charlie Dominici. Dann kommt <i>Under A Glass Moon</i> von der 92er-Scheibe <i>Images and Words</i> – für mich einer der Höhepunkte der ganzen Scheibe, weil er damals eine Offenbarung für mich war, die Verschmelzung der beiden Musikstile, die ich liebte: Metal und Prog. Der Song, der mich überzeugte, dass ich mich weder gegen Genesis noch gegen Helloween entscheiden musste, sondern dass es wunderbare Musiker gibt, die beides vereinen. (Das ältere Operation Mindcrime hatte ich erst kurz drauf entdeckt.) Dann <i>Innocence Faded</i> von der <i>Awake</i> (94), der fast genauso in die damalige, für mich von musikalischem Aufbruch geprägte Zeit passte.
Danach begann eine schwierige Zeit für Dream Theater. Die kleine <i>Changes of Seasons</i> enthielt nur Cover-Songs und eine Live-Aufnahme, sie ist auf dieser Live-Tour daher nicht repräsentiert. Die <i>Falling into Infinity</i> von 1997 scheint den Jungs ebenfalls noch nicht wieder zu gefallen, denn sie spielen keines der veröffentlichen Stücke, sondern aus dem "DT-Archive", wie LaBrie es nennt, <i>Raise The Knife</i>, das es nicht auf die <i>Falling...</i> geschafft hatte. Passt gut ins Konzert, ein anfangs ruhiges, dann rockiges Stück über 11 Minuten, naja, die letzten ein, zwei Minuten sind Kürzungspotenzial.
Die Ballade <i>The Spirit Carries On</i> von der wieder besseren <i>Scenes From A Memory</i> (99) kommt zum Ende sehr pathetisch und gefällt wohl so richtig nur, wenn man beim Konzert dabei ist. Selbst für meine momentan rührselige Stimmung trieft das doch etwas viel.
Nach einer Stunde startet das Orchester mit der Overture der 2002er-Scheibe <i>Six Degrees Of Inner Turbulence</i> – sie spielen natürlich die klassisch angehauchte Scheibe des Doppelalbums – ganz. Ach, ich kann mit Klassik wenig anfangen, und auch Live erschließt sich mir diese Overture einfach nicht. Das folgende Klavier-Intro und den gesamten folgenden Song habe ich in der Studioversion weniger mitreißend im Kopf, weniger groovig und rockig. Klasse. Man merkt ihm an, dass er für eine Orchestrierung geschrieben ist, sodass sich die klassischen Instrumente deutlich besser einfügen als bei Klassik-Umsetzungen von Metal. Aber das wurde zu Erscheinen der CD genügend diskutiert – live gewinnt die Kombination jedenfalls gehörig an Schlüssigkeit.
Von ihrem härtesten Album <i>Train of Thought</i> wählen sie – nur nicht berechenbar werden – den langsamsten Song, die Ballade <i>Vacant</i>. Vielleicht auch einfach nur deswegen, weil er sich am einfachsten aufs Orchester umbauen lässt, schon das Original ist teils mit klassischen Instrumenten gespielt. Ich finde die Umsetzung ganz ohne Piano allerdings einfach nur langweilig.
Und schon sind die Jungs in der Gegenwart. <i>The Answer Lies Within</i> ist eine im Original etwas penetrant gesungene Ballade der <i>Octavarium</i>, der live zwar gut zum Orchester passt, aber ist schon schön, wenn er zum Ende hin mehr rockt. Und wenn er dann endlich vorbei ist. <i>Sacrified Sons</i>, ihr Song über das 9/11-Trauma ihrer Heimatstadt New York kommt intensiv, energiegeladen, gerade in dieser Halle.
<i>Octavarium</i> dann, 27 Minuten lang. Wenn ich nicht schon dem Progmetal verfallen wäre, dann würde dieser Song mich wegblasen, aus den Socken hauen, meine Trommelfelle entjungfern. In dieser mitreißenden, recht sparsam orchestrierten (zwischendurch spielt das Orchester auch einfach mal nicht) Live-Version ist er unwiderstehlich. Geht doch gar nicht, dass die fünf Musiker live so komplizierten Kram derart schlüssig gefühlvoll rockig präzise groovig hinbekommen. Die Studioversion mag ich mir nicht mehr anhören.
Über die Zugabe Metropolis von der <i>Images and Words</i> mit Orchester werden die Meinungen auseinander gehen. Metal ruiniert werden die einen sagen, Pathos pur. Doch ich finde, mit dieser Version haben Dream Theater endgültig alle Grenzen gesprengt und sich von allen Klischees befreit. Eine so gewinnende Klassikumsetzung hat mir noch keine Band in die Ohren gehauen, da bleiben selbst so gelungene Scheiben wie <a href="http://www.metalglory.de/reviews.php?nr=13601">Christ.0</a> von Vanden Plas zurück. Der 14 Jahre alte Song, ebenfalls einer meiner absoluten Favoriten, verliert kein bisschen von seiner Raffinesse, sondern erreicht eine noch höhere Intensität.
Auf der CD sind die Stücke kompakt zusammengesetzt, die Zwischenstücke und ein paar Ansagen der DVD fehlen. Daher ist die CD auch ein paar Minuten kürzer. Viel Hörbares verpasst man nicht, die fehlenden Parts ergeben nur mit Bilduntermalung Sinn. Schlagzeug und Gitarre wirken leicht überbetont, der Bass kommt (zumindest per Subwoofer) extrem deutlich; manchmal gehen die Keyboards und sogar die Stimme unter. Schwachpunkt für mich: Sänger LaBrie. Die vier Musiker haben sich deutlicher weiterentwickelt als er, zudem lässt er etwas Enthusiasmus missen.
Die Aufteilung auf drei CDs ist prima gelungen: Auf der ersten finden sich alle alten Songs, auf der zweiten die klassisch und balladesk gefärbten Songs, auf der dritten die beiden Überhammer. Na, <i>Sacrifices Sons</i> hätte man auf die dritte packen können, dann würde zumindest ich die zweite öfter im Schrank lassen und nur die beiden anderen hören.
Bewertung? Eigentlich ist alles unter 10 Punkten maßlos untertrieben. Doch die schwachen Balladen und die nicht optimal mitreißende Abmischung verhindern dann doch die Höchstwertung. Interessant ist die Scheibe möglicherweise besonders für Fans wie mich, die den alten Kram genial fanden, aber von den neuen Scheiben weniger berührt sind. Live berühren sie! Aber noch empfehlenswerter ist die DVD – dazu später mehr.