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Riverside in Oberhausen, Zentrum Altenberg am 19.04.2006
Galerie Riverside, 19.4.06, Oberhausen, Zentrum Altenberg zum Livereview anschauen!
Galerie novAct, 19.4.06, Oberhausen, Zentrum Altenberg zum Livereview anschauen!

Mit nur kurzer Verspätung legte um kurz nach 20 Uhr am Mittwoch Abend vor recht vollem Haus die Vorgruppe los, die mir unbekannte Progmetal-Band novAct. Sie gefielen mir so gut, dass ich mir die CD gekauft hatte und ein Review schreiben wollte, doch das hat Christian schon vor über einem Jahr getan, wie ich später dann feststellen musste. Da finden sich auch schon alle wichtigen Stichwörter: "charismatischer Gesang", "nette Melodien", "durchdachte Songstrukturen".

Die Musik ist gut angekommen, der Applaus war wohlwollend und Ernst gemeint, nicht nur mit Höflichkeit zu erklären. Auch als sie nach vier oder fünf Songs sagten, noch weitere spielen zu wollen, tönte kein Rausschmeißer-Pfiff, sondern sogar etwas stärkere Zustimmung durch die Halle. Fast eine Stunde haben sie gespielt, auch danach hat sich niemand beschwert. Die Stimme kam zwar nur recht schlaff rüber, was wohl an der nicht optimalen Aussteuerung lag oder daran, dass ich zu weit vorne stand. Doch schon das Bisschen reichte, um das Riverside-Publikum zu überzeugen. Sehr rockig, viel Metal, hinreichend viel Abwechslung, sehr viel Rhythmus. Klasse Vorstellung, guter Anheizer.

Nach einer kurzem Umbaupause traten dann die vier Überraschungsmusiker auf, die mich schon mit der ersten Platte total im Bann hatten und mit der zweiten das noch verstärken konnten. In einer kurzen Begrüßung zeigte sich Sänger und Bassist Mariusz Duda verblüfft davon, vor so vielen Leuten zu spielen – das Altenberg war gut gefüllt, rund 300 Leute mag es vielleicht fassen.

Sie legten mit einer Hommage an eines ihrer großen Vorbilder los, die andere Band mit dem singenden Bassisten. Äh, also nicht Police, okok, es gibt viele Bands dieser Formation. Sie spielen jedenfalls einen mehrere Minuten langen instrumentalen Ausschnitt aus Shine On You Crazy Diamond von Pink Floyd und mischten ihn mit eigenen Parts, ich glaube aus dem 12 Minuten langen Intro ihrer ersten Platte. Das ließen sie in den schönen Piano-Anfang von Conceiving You übergehen. Ohne Ansage folgte Out Of Myself, das Titelstück des ersten Albums. Mir haben auch im weiteren Verlauf gerade die Songs dieses Albums extrem gut gefallen, weil sie live noch ausgereifter klangen als im Studio, weil Duda inzwischen viel akzentfreier und erfahrener singt und weil der neue Keyboarder Michal Lapaj den Songs eine noch intensivere Stimmung verleiht. Und weil die Gitarre von Piotr Grudzinski mittlerweile düsterer klingt.

Spätestens beim nächsten Stück Reality Dream 1 von der ersten Scheibe wird klar, was die Jungs (oder ihr Budged) von Show halten: Garnix. Das Intro der Platte mit einer tickenden Uhr spielen sie nicht vom Band ein, sondern hauen direkt mit dem Song rein. Das Bühnenbild besteht aus Nichts, keine Poster, keine Projektoren, keine großartigen Lichteffekte, gerade mal schwarz abgehängte Mauern und ein Band-Logo auf dem Schlagzeug.

Der Gitarrist spielte so konzentriert, dass schon das Öffnen seiner Augen als Show gelten musste. Wo andere Gitarristen nach jedem Song oder gar mittendrin ihre Klampfe wechseln, kommt er mit einer einzigen aus – den ganzen Auftritt lang. Auch Duda blieb während der instrumentalen Part eher unaufgeregt. Lediglich der Keyboarder flippte etwas häufiger herum, spielte während einer Zugabe sogar mal Luftgitarre. Den Schlagzeuger Piotr Kozieradzki sah man naturgemäß sowieso selten. Angenehmerweise bot das Altenberg eine durchaus gute Akustik; lediglich das Gesangsmikro war bei ein paar Songs etwas seltsam eingestellt, aber egal.

Trotz aller Konzentration sah man den Musikern den Spaß an, vor allem machten sie einen ehrlich überwältigten Eindruck von dem großen Zuspruch, den sie ernteten. Nach jedem Stück bekamen sie mehr Gejubel und Gekreische um die Ohren gehauen als manch andere Band nach dem gesamten Auftritt, und ihre ehrliche und sympathische Freude begeisterte das Publikum noch mehr.

Auch nach Soli bekamen die Musiker oft Applaus, allerdings rächte sich ihre ruhige Show hier etwas: Wenn der Gitarrist ein Weltklasse-Solo mit mehr Ruhe und Coolness runterspielt als andere Jungs ihre popelige Rhythmus-Begleitung, wenn er sich so sehr in den Dienst des Songs stellt und sich in die gesamte überwältigende Stimmung einfügt, dann bleibt halt der Szenenapplaus aus – er schien manchmal etwas enttäuscht zu sein. Doch andererseits gab es so viele beeindruckende Einzelleistungen aller vier Musiker, dass das Publikum eine Sehnenscheidentzündung vom ständigen Applaudieren bekommen hätte.

Hatte ich der Platte noch angekreidet, dass einige Parts mir zu überproduziert zugekleistert vorkämen, muss ich das nun revidieren: Sie spielen so! Diesen Sound legen sie – bis, wie erwähnt, auf kleine Einspielungen – live hin! Zu viert schaffen sie mit lediglich kleinen Tricks wie etwas Echo eine so dichte Stimmung, dass jeder im Saal mitgerissen war. Von ausgelassener Pogo-Mosh-etc-Stimmung war allerdings nichts zu sehen – ich hab aber auch nicht ständig nach hinten geschaut –, aber ihre Musik bietet dafür eh zu wenig Fläche. Stattdessen setzen sie komplizierte Bassläufe, mitreißende Drums, schwere und aufwendige Gitarren und athmosphärische Keyboards in einer Weise zusammen, dass man fasziniert zuhören muss – auch oder gerade live.

Bei The Curtain Falls verließ dann ein Musiker nach dem anderen die Bühne, zuerst der Gitarrist nach einem Solo, für das er sich vielleicht mehr Zuspruch vorgestellt hatte. Nach einer kurzen Pause gaben sie drei weitere Songs, und auch danach kamen sie zur zweiten Zugabe (nur der Song Before, das letzte Stück der zweiten Platte) schnell wieder nach vorne.

Als dritte und letzte Zugabe brachten sie Ok, den letzten Song der ersten Platte, den ich für einen ihrer schwächsten und lahmsten halte. Während sie die anderen Songs recht nah an den Album-Versionen spielten, intensivierten sie Ok deutlich, was vor allem dem Keyboarder, aber auch ein paar zusätzlichen Gitarrenparts zu verdanken ist. Damit haben sie mich natürlich endgültig rumgekriegt. Klasse. Will ich mehr von, eines der intensivsten Konzerte der letzten Zeit – eine mitreißende Mischung aus höchstqualitativem Handwerk und unspektakulärer, sympathischer Ehrlichkeit.

Insgesamt haben sie in fast zwei Stunden fast alle Songs beider Platten gespielt, darunter auch das 15-minütige, live wunderbare Second Life Syndrom. Neue Songs stellten sie nicht vor. Das Publikum war durch die Bank begeistert. Ich schnappte Sätze wie "Porcupine Tree war gestern" oder "unglaubliches Understatement, diese komplizierte Musik so zu verpacken" auf; im vorderen Bereich gabs sogar einige Fans, die die meisten Songs mitsingen konnten. Hoffen wir, dass wir von Riverside noch viele Platten und Konzerte auf diesem Niveau hören werden!



geschrieben am 23.04.2006   von Jockel
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