Was für eine Rückmeldung der deutschen Progmetaller, die seit vier Jahren keine neue Scheibe mehr herausgebracht haben! Der erste Song beginnt mit nicht so ungewöhnlichem Keyboard-Gebrummel, doch schon nach wenigen Sekunden kommt ein Opernchor, dann eine fette Gitarre samt Bass und unglaublichem Schlagzeug, und nach fast genau einer Minute der erste Break mit Harfe und Gesang. Danach geht der Titelsong Christ0 (ja, statt dem Buchstaben "o" steht wie auch im Plattentitel die Ziffer "0", was "Christ Zero" gelesen werden soll) satt und abwechslungsreich weiter. Der zweite Song Postcard to god drängt mit tiefen Gitarren und starken Drums noch kräftiger nach vorne, später umschmeicheln sich Gesang und fetzige Orgelklänge. Dieser erfreulich starke und abwechslungsreiche Druck und eine hörbar erwartungsvolle Spielfreude der Musiker prägen das gesamte Album.
Spätestens beim dritten Song Wish You Were Here (kein Floyd-Cover) tritt das orchestrale Element stärker zu Tage, das spätere Stücke wie Firerose Dance noch deutlicher beeinflusst. Die Mischung funktioniert: Eher selten übernehmen lediglich Streicher die Parts von Keyboards, was den Songs keinen so unterschiedliche Würze verleiht. Häufig erschaffen hingegen die klassischen Instrumente und der Chor eine ganz andere aufregende Geschmacksrichtung, ohne aber dabei aufgesetzt oder übertrieben zu wirken. Reine Klassikparts oder solche mit musicalähnlichem Charakter finden sich selten, am stärksten (natürlich) im Andrew-Lloyd-Webber-Cover Gethsemane aus Jesus Christ Superstar. In den letzten Jahren hat die Band viel mit Orchestern und Theatern gearbeitet, hier zeigen sie, wie zielstrebig und passgenau sie die Erfahrungen in ihren eigenen Stil eingearbeitet haben. Symphonic Metal wäre daher eine falsche Schublade, die Jungs spielen Progmetal.
Und zwar Progmetal höchster Güte. Andy Kuntz singt mit hoher, warmer, gefühlvoller und flexibler Stimme. Stephan Lills sehr heavy gestimmte Gitarre prägt häufig den Sound zusätzlich legt er haufenweise nette Soli hin. Viel Platz bekommen auch die Keyboards samt Soli, oft spielt Günter Werno auch Piano und eine fetzige Orgel. Der Bassteppich von Torsten Reichert stützt die Jungs gut, aber vor allem haut mich das Drumming von Andreas Lill aus den Socken. Es rasselt allgegenwärtig, langweilt nie, schubst die Songs voran, schärft sie, überspitzt sie, explodiert, hämmert, gönnt keine Ruhe, lässt einen bei den Pausen wie bei Silently zitternd auf ihre Wiederkehr warten.
Die Jungs halten ein hohes Tempo. Auch scheinbar in Sicherheit wiegende Anfänge wie bei January Sun beschleunigen sie schnell mit fetten Gitarren, knalligen Keyboards und brüllendem Schlagzeug. Oft kehren sie zu ruhigeren Parts zurück, häufig auch beim Gesang, aber bald powern sie dann weiter. Lediglich Lost In Silence bleibt eine Metalballade mit schönem Orgelsound, feiner Gitarre und natürlich aufwendigen Drums.
Im Vergleich zum schon arg gelungenen Vorgänger Beyond Daylight von 2002 haben die Jungs in allen Belangen zugelegt: Die Gitarren sägen fetter, das Schlagzeug rasseln präziser und vielseitiger, die Stimme wagt mehr Vielfalt, die Orchestrierung wirkt stimmiger eingebunden und die Produktion schafft mehr Transparenz. In Tempo, Vielschichtigkeit und Faszination liegen sie damit auf dem Niveau von Evergreys Inner Circle, dessen Liebhaber hier dringend reinhören sollten.
Nun wäre es fast gelungen, ein Review über Vanden Plas zu schreiben, ohne den Vergleich zu Dream Theater zu ziehen. Doch die Musik der beiden Bands ähnelt sich zu sehr, auch liegt die Stimme von Andy Kuntz nahe an der von James LaBrie, als dass man das ignorieren könnte. Galten Vanden Plas zeitweise vielleicht als Plagiat, haben sie spätestens bei Christ 0 eine ganz eigene Richtung eingeschlagen, die zwar im gleichen Genre wie Dream Theater angesiedelt ist, aber nichts mit einer Kopie zu tun hat. Wer den Neuling im Dream-Theater-Koordinatensystem darstellen möchte, mag sich die Härte von Train of Thought mit der Seele von Awake und vielleicht dem Orchester von Six Degrees in einer integrierteren Art kombiniert denken. Mich berührt Christ 0 intensiver als Dream Theaters letztjährige Octavarium, die Scheibe klingt wärmer, näher, zumal die Schlagzeugakupunktur bei mir jeden Nerv stimuliert. Kritik? 10 Punkte? Irgendwie habe ich das Gefühl, dass da noch ein paar Kohlen mehr drin wären, noch ein bisschen abwechslungsreicheres Songwriting, aber nein, da fehlt nicht genug, um auch nur einen halben Punkt Abzug zu rechtfertigen.
Songs
1. Christ.0 05:34
2. Postcard to god 06:17
3. Wish you were here 09:14
4. Silently 08:31
5. Shadow I am 05:28
6. Fireroses dance 06:03
7. Somewhere alone in the dark 05:30
8. January sun 10:05
9. Lost in silence 04:19
bonus track:
10. Gethsemane 06:19
Musiker
Andy Kuntz: Gesang
Andreas Lill: Schlagzeug
Stephan Lill: Gitarre
Torsten Reichert: Bass
Günther Werno: Keyboards
10.0 Punkte von kacior (am 29.03.2006)
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musikalischer Background des Verfassers Progressive Metal, Heavy Metal, Melodic Metal, bisschen Gothic/Dark, aber auch ProgRock, Emo
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