Die schlechte Nachricht zuerst: Neal Morse bleibt bei SB weiterhin absolut unersetzbar. Die gute Nachricht lautet: Das neue - übrigens selbstbetitelte - Spock's Beard Album ist besser geworden als der Vorgänger "Octane". Das liegt vor allem an einigen einzelnen sehr starken Tracks. Gleich der Opener "On A Perfect Day" weiß sehr mit seinem Wechseln zwischen spartanisch sanften und fett rockigen Parts zu gefallen. Die Nummer ist verspielt, extrem vielseitig instrumentiert und geht gut ins Ohr und dauert fast acht Minuten. Dieser Progger weiß wirklich zu begeistern, und danach kommt es noch besser. "Skeletons At The Feast" erweist sich als reines Instrumental, mit zeitlos geilen Melodien und rockt auch wie sau. Das sind sechseinhalb Minuten wohliges Grinsen und die Erwartung eines "kommt-ja-sogar-fast-an-Neal-ran" Albums. Doch der dritte Streich zerbläst die Euphorie leider gnadenlos. Der kurze Song fängt unvermittelt an - man hat das Gefühl in die Liedmitte hineingeworfen zu sein; als würde bei einem wohlig gutem Radioprogramm plötzlich ein Sender mit grausamen Mainstreamrock reinspringen. Dieser straighte Rocker hätte höchstens einen hinteren Rang auf SBs "From the Vault" verdient. Danach geht es durchwachsen weiter. Das restliche Material siedelt sich irgendwo zwischen den bisherigen Extremen an, wobei die positiven Seiten gottseidank dominieren. Abwechslung ist angesagt. Von zu seicht, über nett seicht, geht es bis rockig zerfahren und proggig. Alan Morse pflegt wie immer einen wunderschönen Ton auf seiner Gitarre, Ryo zaubert krass verwirrende wie anmutig ruhige Töne und dicke Teppiche aus seinen Keyboards. Die Rhythmusfraktion ist gut wie immer, und dazu gibt es Streicher, Posauen und Trompeter. Mit "Hereafter" ist auch eine schwermütige Pianoballade vertreten. Einem genialen Album stünde bei diesen begnadeten Musikern nichts im Wege, wären da nicht drei große Schwachpunkte zu verzeichnen, die alle - o Wunder - an Neal Morse und seinem Nachfolger hängen. Von diesen ist am ehesten der Gesang von Nick zu verschmerzen. Der gute Mann singt ziemlich klasse, keine Frage; doch hat er leider eine Vorliebe zum heulsusigen Gesäusel. Dabei wird er öfter so fragil, dass die Grenze zum Kitsch weit überschritten wird. Das bringt uns zum zweiten Punkt, Nicks Lyrik. Es geht immer wieder um Liebe und Romantik "don't change for me", "talk with me", "walk with me" ... BÄHHH. Dagegen sähe Doro glatt blass aus. (Also ein Projekt mit Doro und Nick wäre eine richtig monströse unheilige Allianz.) Letzter großer Kritikpunkt wären die Kompositionen an sich. Die verspielten Parts sind durchaus perfekt (jaaa - jazzig - proggig - orgelig - 60er - Porno - Drogen - Porno?), aber selbst den besten Momenten fehlt der ganz große Tiefgang und die Leidenschaft, welche Neals Kompositionen, Spiel und Gesang immer ausgemacht haben. Diese Seichtigkeit wird durch die vielen kitschigen und poppig simplen Passagen noch unterstrichen. Für einen musikalischen Zombie, dem - zombieüblich - Herz und auch Kopf entfernt wurden, gibt "Spock's Beard" aber ein ziemlich lebendiges und vielseitiges Album ab, das gerne auch am Stück genossen werden darf und mir 7,5 Punkte wert ist. Nur ob Kopf und v. a. Herz jemals nachwachsen werden?
Tracklist:
Lineup:
01. On A Perfect Day (7:47)
02. Skeletons At The Feast (6:33)
03. Is This Love (2:51)
04. All That´s Left (4:45)
05. With Your Kiss (11:46)
06. Sometimes They Stay, Sometimes They Go (4:31)
07. The Slow Crash Landing Man (5:47)
08. Whereever You Stand (5:09 )
09. Hereafter (5:01)
10. Dreaming In The Age Of Answers (AFATMCS Part 1) (4:49)
11. Here´s A Man (AFATMCS Part 2) (3:28)
12. They Know We Know (AFATMCS Part 3) (3:18)
13. Stream Of Unconsciousness (AFATMCS Part 4) (5:23)
14. Rearranged (6:07)
musikalischer Background des Verfassers Hauptsächlich Metal und 60er/70er Jahre Rock. Daneben alles Mögliche (z.B. EBM, Soundtracks, Folk, diversen Jazz Kram & Krautrock) und manches Unmögliche (z.B. Aqua, Madonna, Torfrock, Björk & Doris Day).
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