Langsam aber sicher ergibt der Bandname GRAVE DIGGER einen Sinn. Nein, nein, Chris und die Seinen schaufeln sich nicht das eigene Grab. Ganz im Gegenteil, die neue Scheibe ist recht cool geworden, aber mit Thilo Hermann hat der olle Boltendahl nach Jens Becker und zuletzt Manni Schmidt das nächste schon fast vergessene Szene-Fossil ausgebuddelt und erfolgreich musikalisch reanimiert; unter Keyboarder Katzenburgs Reaper Kutte scheint also ein Rettungssani on a metal mission zu stecken. Besagter Thilo Herrmann hat zur Metalgeschichte Teutoniens so einiges relevantes geleistet, hauptsächlich in Diensten der seligen RISK und der zurzeit eher unseligen RUNNING WILD. An dieser Stelle legen wir bitte alle eine Rolf-Gebetsminute zur Errettung der ehedem geilsten aller metallischen Koggen ein; oder besser noch: Hey Chris, Du könntest doch Rolfs Seele retten! Schicke ihm einfach den Rettungsreaper vorbei, um ihm den Toxic Taste aus dem Hirn zu blasen; danach muss nur noch Herrn Sasso der Stecker gezogen werden; obwohl: am besten lasse gleich Rolfs ganzes Homestudio wegsensen, und hinterlege ihm eine Visitenkarte der Resetti Brüder. Denn diese haben dem neuen GRAVE DIGGER Album, und damit nähern wir uns endlich wieder dem Thema dieses Textes, einen amtlichen Metalsound verpasst. Und nicht auszudenken, wie g e i l ein neues RUNNING WILD Album mit einem amtlichen Metalsound klingen könnte, oder?. Ok, das reicht. Bitte nichts für ungut Rolf!.
Der Sound des neuen Totengräber Albums "Ballads Of A Hangman" ist in der Tat sehr gut geworden, und gerade auch der durch Thilo Herrmann frisch verstärkte Gitarrenbereich weiß zu gefallen. Der gute Mann durfte sogar schon beim Songwriting mitmischen. Die Kompositionen sind wahrlich auf den Punkt gebracht. Das limitierte Digipack, das mir hier zum Rezensieren vorliegt, bringt es bei 12 Tracks auf knackige 45 Minuten. Das freut nicht nur Anachronisten, die somit das Album gemütlich auf eine Kassettenseite spielen können, diese Spielzeit hinterlässt auch ganz allgemein einen kompakten Eindruck; man kann die Scheibe locker von vorne bis hinten ohne auftretende Ermüdungserscheinungen durchhören. Das liegt auch an der geschickten Verteilung der Tracks, von denen nicht alle als wirklich gelungen bezeichnet werden können. Bei vier der Titel handelt es sich um gewohnte GRAVE DIGGER Massenware, die im Groben auf wirklich fasst jedem ihrer Alben hätte stehen können. Straight langweilig und beliebig im Uptempo klingen die Songs Nummer 4, 7 und 10 ("Sorrow Of The Dead", "Into The War", "Stormrider") und Nummer 8 im Midtempo ("The Shadow Of Your Soul"); die Teile sind nicht wirklich schlecht, aber sie sind beliebig, wie schon mal gehört (so ähnlich wie Nudeln in roter Soße vom Vortag aufgewärmt in der Mikrowelle: auch noch relativ lecker und essbar, sehen aber aus wie schon mal gegessen). Vier andere Stücke würde ich als gut bezeichnen, das wären die Nummern 3, 5, 9 und 12. Das erste, einstellige Trio ("Hell Of Disillusion", "Grave Of The Addicted", "Funeral For A Fallen Angel") bietet zwar auch urtypische Digger Kost, allerdings garniert mit der gewissen Extrafinesse in Sachen Atmosphäre und dem einen oder anderen richtig gut gelungenem Arrangement (z. B. der Refrain von "Grave Of The Addicted"). Und dann ist da der Rausschmeißer des Albums; der Reaper hat sich tatsächlich an THIN LIZZYs "Jailbreak" vergriffen und es in die eigene Klangfarbe getunkt. Das Ergebnis kann sich durchaus hören lassen; Prädikat: Nicht genial, aber witzig und gut hörbar, zudem ungewöhnlich, auch durch die knarzige, äh, ich meine natürlich die charismatische Stimme von Chris. "Jailbreak" ist ein würdiger Bonus- und Abschlusstrack geworden.
Und nun zum Filet des Hangmans: Ein Drittel des Albums ist wirklich aller erster Sahne geworden, die Nummern 1, 2, 6 und 11 ("The Gallows Pole", "Ballad Of A Hangman", "Lonely The Innocence Dies", "Pray"). Gleich das kurze Intro "The Gallows Pole" macht eine Wundertüte an Atmosphäre auf und stimmt zur Melodie der Oberhymne "Ballad Of A Hangman" an, und was für eine geile Granate das wieder ist. Treibende Strophe und Bridge führen zu einem Refrain, der nur aus getragenem und epischem "Oh, oh oh"-Gesang plus reingeshoutetem "Hangman!" besteht. So simpel, so geil; typische Digger-Magie am Werk. Die Nummer wird eine ganz große Livegranate. Die nächste Perle in der Plattenhülle ist das fragile "Lonely The Innocence Dies", in dem Chris einen Gesangsdialog mit BENEDICTUM Sängerin Veronica Freeman um Liebe und Tot führt. Es ist doch erstaunlich, dass GRAVE DIGGER immer dann am meisten überzeugen können, wenn sie mal was neues ausprobieren und die bereits ausgetretenen Pfade verlassen. So auch beim vorletzten Stück, "Pray", das eine für Digger eher untypische Heavy Rock Nummer ist. Der Song mag wohl sehr simpel und übersichtlich sein, aber er funktioniert und ist wunderschön (gerade auch mal wieder durch Chris Boltendahls charisknarziger Stimme).
Fazit: Für mich macht das insgesamt ein Drittel Material lascher Einheitsbrei im 6 Punkte Bereich, ein wirklich gutklassiges Drittel, das im 7,5 Punkte Bereich spielt, und dann wäre da natürlich noch als letztes Drittel die Spritzsahne obendrauf, die im 9er Bereich herumperlt; macht unterm Strich also 7,5 Punkte im Schnitt. Und wer da jetzt rummault, dass ein 52 Sekunden Intro ja wohl kaum als vollwertiger Song gewertet werden kann, dem oder der sei mitgeteilt: Doch, kann man! So ein geiler Einstieg in das Album wiegt sogar locker zwei Durchschnittsnummern wieder auf, und zum guten Sex gehört ja nun mal auch ein prickelndes Vorspiel (na ja, meistens). Und außerdem bekommt dieses starke Album eh fette 8 Punkte verpasst, eben weil der Sound auch so geil ist, die Kompositionen bewundernswert kompakt und die Verpackung des Digipacks edel und schick ist. Genau wie das Booklet übrigens, und das gibt mir zum guten Schluss auch noch die Gelegenheit des Reapers Trommler Stefan Arnold ins Spiel zu bringen, dessen murrayisches Althippiefoto im Booklet erstaunlicher Weise noch den seriösesten Eindruck hinterlässt. Ganz anders die Herren Kollegen: Z. B. sieht sein Sänger Chris aus wie Hui Buh, der einen Pfurz unterdrückt. Na klar, die Katze macht natürlich standardmäßig den gelebten Reaper mit Sense, aber am schlimmsten treibt es die Saiten-Fraktion: Manni Schmidt sieht aus, als ob er zum Conan Casting möchte. Auch Jens Becker hat die Haare wieder sprießen lassen (welcome back, brother), und mit dieser Pudelmatte kann auch er sich unverdächtig zu den Typen unter dem Schlangensymbol gesellen, die auf der Suche nach Stahl sind (genau, und später wird es Fleisch). Am allerschlimmsten und härtesten hat der Fotograph aber Thilo Herrmann rangenommen. Der Form seiner immer noch kurzen Frisur nach zu urteilen, will er sich die Haare wieder auf rockerkompatible Länge wachsen lassen, aber da das noch nicht so weit ist, muss er seine Wildheit durch eine böse ich-erstech-dich-gleich-mit-meiner-Gitarre-Pose beweisen. Dabei ist der Thilo scheinbar unbändig am Schreien und präsentiert eine abgebrochene Pommesgabel. Doch keine Sorge, ich gehe jede Wette ein: Wenn Thilos Matte erst mal wieder richtig wallt, kann er die Pommesgabel auch wieder korrekt formen. Und habe ich es schon erwähnt: Husch, husch; ab in den nächsten Plattenladen, und dort flugs die neue, geile GRAVE DIGGER "Ballads Of A Hangman" kaufen!
Tracklist:
Lineup:
01. The Gallows Pole (0:53)
02. Ballad Of A Hangman (4:47)
03. Hell Of Disillusion (3:56)
04. Sorrow Of The Dead (3:26)
05. Grave Of The Addicted (3:34)
06. Lonely The Innocence Dies (5:46)
07. Into The War (3:33)
08. The Shadow Of Your Soul (4:14)
09. Funeral For A Fallen Angel (4:33)
10. Stormrider (3:17)
11. Pray (3:37)
12. Jailbreak (LimEd Bonus) (4:05)
musikalischer Background des Verfassers Hauptsächlich Metal und 60er/70er Jahre Rock. Daneben alles Mögliche (z.B. EBM, Soundtracks, Folk, diversen Jazz Kram & Krautrock) und manches Unmögliche (z.B. Aqua, Madonna, Torfrock, Björk & Doris Day).
X Aktuelle Top6
1. Alestorm "Leviathan"
2. Grave Digger "Ballads Of A Hangman"
3. Saxon "Into The Labyrinth"
4. Band Of Horses "Cease To Begin"
5. AC/DV "Black Ice"
6. Opeth "Watershed"
X Alltime-Klassix Top6
1. Rush "Grace Under Pressure"
2. Böhse Onkelz "Adios"
3. ELP "Brainsalad Surgery"
4. The Fair Sex "Bite Release Bite"
5. Scooter "Encore The Whole Story"
6. Chroma Key "Dead Air For Radios"
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