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Rage "Speak Of The Dead"
Altmeister Peavy redet über das neue Rage Album "Speak Of The Dead" und von seinen Erfahrungen aus 22 miterlebten Jahren Heavy Metal Geschichte. Das Interview fand am 01. März 2006 statt, und wurde per Telefon geführt.
Weitere Infos zu Rage:
REVIEWS:
Rage Speak Of The Dead
Rage 21
INTERVIEWS:
Rage - Speak Of The Dead
Rage - Rage - Tierische Schlagzeuger, Ein Portnoy Jünger Und Die Burzum Katze

klingel klingel

Ja hallo. Peavy hier, von Rage.

Hallo, hier ist Marc. Da bist du ja.

In Hannover?

Genau. www.Metalglory.de. Kennst du uns?

Ja ja.

Das ist ja hervorragend. Dann können wir ja gleich mal an die Arbeit gehen. Willst danach auch Fußball gucken?

Nö, ich muss Intervies machen, den ganzen Abend.

(1:4 gegen Italien. Da tat Peavy gut daran zu arbeiten.) Echt, arbeiten? Du Armer.

Seit drei Wochen jetzt schon.

Oh weh. Wir zwei hatten schonmal die Ehre miteinander.

Das kann sein.

Beim Dynamo'97 warst du mit deinen Bandkollegen bei uns am Zelt einen Trinken.

Ach das,ja stimmt. Da hatte ich mich doch sogar noch etwas zugekifft. Da hatte ich einen ganz schön dicken Schädel von bekommen.

(Das könnte aber auch am ungekühlten Karlsquell gelegen haben.) Ja ja. Ihr habt uns die guten Sachen weggeraucht. Und ich war damals stolz wie Atze.

Ha ha ha.

OK, dann lass uns mal beginnen. Ihr habt eine neue CD am Start, "Speak Of The Dead". Weißt du die wievielte Rage Platte das ist?

Ich meine das müsste so die 17. oder 18. sein. Bin mir nicht ganz sicher.

Stimmt aber ziemlich genau. Ohne "Prayers Of Steel" ist es das 17. Studioalbum.

Mit der "Prayers Of Steel" sind es 18. Ich zähle die eigentlich immer dazu.

Bist du zufrieden mit dem neuen Album?

Ja, sehr sogar. Da sind einige Sachen darauf, die das Beste sind, was wir je gemacht haben. Gerade diese "Suite Lingua Mortis", da bin ich stolz wie Harry, das ist wirklich ein tolles Stück Musik. Gerade verglichen mit den 90er Scheiben, der "Lingua Mortis" oder der "XIII", ist das von der Qualität nochmal ein paar Stufen höher, sowohl was den Sound angeht, die Produktion, das Einspielen, die Komposition. Es ist in allen Bereichen wirklich nochmal besser geworden.

Bei euch gehe ich ja eigentlich davon aus, dass ihr sehr routiniert seid in Sachen Plattenaufnahme, aber ich kann mir vorstellen, dass die Aufnahme mit einem Orchester die Geschichte wieder etwas spannender macht.

Ja, das ist auf jeden Fall immer spannend, alleine schon, weil es etwas aufwändiger und nicht das Übliche ist, was man sonst immer macht. Natürlich sind wir auch, ich würd' jetzt nicht sagen routiniert, aber wir sind erfahren. Wir haben schon so oft Aufnahmen gemacht, dass wir einfach wissen wie sowas geht. Wir haben ja auch alle schon mit einem Orchester gearbeitet. Gerade Victor ist ein alter Hase, der ist schon seit Ewigkeiten mit Orchesterarbeit vertraut. Der hat so ziemlich alle Facetten von Musik seit Kindertagen studiert, und für den ist das jetzt natürlich nichts Neues oder Ungewöhnliches. Er hat sich aber auch tierische Mühe gegeben und eine prima Arbeit geleistet. Die gesamt "Suite Lingua Mortis" hat er komplett von vorne bis hinten komponiert, arrangiert und die Notationen geschrieben und auch alles zusammen mit dem Orchester eingespielt. Ich war dabei lediglich als Textschreiber involviert und natürlich die Band als Interpret der ganzen Geschichte. Aber er ist dabei der künstlerische Kopf gewesen.

Hat er die gesamte Komposition von vornerein als Orchester und Metal Projekt gleichwertig nebeneinander angelegt?

Er hat alles zusammen gleich zu einem Werk komponiert, mit gleichberechtigter Stimmführung, sozusagen. Das war von vornherein so geplant. Anfänglich gedachte ich mich als Komponist ebenfalls mit einzuklinken, aber nach den ersten Rehearsels, wo wir die Themen mal durchgearbeitet haben, wurde es offensichtlich, dass Victor die Sachen so gut im Kopf und schon alles so gut ausgearbeitet hatte, dass meine eigenen Ideen da eher wie ein Fremdkörper gewirkt hätten. Da habe ich von mir aus einen Schritt zurückgemacht, und gesagt, "OK, du machst jetzt hier dein Meisterwerk, und ich halte mich da einfach raus". Zuviele Köche verderben eben den Brei. Da habe ich mich mehr auf die Metal Nummern konzentriert, bei denen ich auf diesem Album federführend bin.

"Speak Of The Dead" ist sauber zweigeteilt. Vorne steht mit acht Tracks die "Suite Lingua Mortis", auf diese folgen sieben relativ typische Rage Metal Nummern. Steckt da ein Konzept dahinter?

Nein. Die "Suite" steht einmal als Konzept für sich. Textlich dreht es sich um das mittelalterliche Thema "Der Tod und das Mädchen", das ja auch schonmal Franz Schubert kompositorisch verarbeitet hatte. Da habe ich so eine kleine Story drumgeschrieben, die sich durch die „Suite“ durchspinnt. Die Metal Nummern stehen alle gesondert für sich, mit verschiedenen Thematiken. Da sind einmal sehr persönliche Themen, zum Teil politische und zum Teil sozialkritische Themen.

Im Promobrief werdet ihr angekündigt als "Symphonic Progressive Metal".

Ja, das hat Nuclear Blast sich ausgedacht.

Dennoch, die ersten paar Takte versprühen ein deutliches Dream Theater Flair.

Die Einleitung fängt zwar recht progressiv an, aber das gesamte Album weist dann ja doch wohl eher wenige Parallelen zu Dream Theater auf. Die Rage Power Metal Elemente dominieren ganz klar. Alle Passagen bei denen die Band spielt sind schon recht heavy und straight gehalten. Gewisse progressive Elemte gibt es natürlich auch, die hatten wir ja auch schon auf den letzten Alben, siehe "Unity" oder "Soundchaser". Seit Victor in der Band ist, hat sich unser Stil sehr angereichert.

Macht ihr immer was ihr wollt, oder achtet ihr beim Songwriting verstärkt auf Konventionen?

Nee, auf Konventionen haben wir eigentlich noch nie geachtet. Auch schon vorher, bevor Mike und Victor in der Band waren, habe ich als Kreativkopf da nie ein Blatt vor den Mund genommen. Wir haben immer so gespielt wie uns der Kopf gewachsen war. Es macht für mich keinen Sinn sich stilistisch zu limitieren. Es ist immer eines der Trademarks von Rage gewesen, dass wir ziemlich offen waren und immer auch Elemente von außerhalb der kleinen engen Powermetal Schublade in unsere Musik mit eingearbeitet haben und dadurch unseren Stil recht vielschichtig gehalten haben. Wir haben aus dieser Schublade immer mal wieder herausgeschielt, und ich denke, unsere Fans wissen es auch zu schätzen, dass wir nicht immer nur eingleisig fahren, wodurch wir womöglich limitiert klingen würden, worunter ja die eine oder andere Band leider leidet. Wir sind also schon etwas offener.

Bei „Innocent“ zitiert ihr ziemlich deutlich Metallicas „Master Of Puppets“. War Euch das bewusst?

Nein, du bist der Erste, der mir das sagt. Mag vielleicht einfach nur an dem Groove der Gitarre liegen.

Die Parallelen liegen für mich beim Gitarrenanschlag und bei der Betonung.

Na ja, von der Harmonik her ist es schon was anderes. Wie gesagt, Victor hat das komponiert, und ich weiß nicht was er im Kopf hatte, als ihm das eingefallen ist. Wenn man im Metal auf einer E-Gitarre Riffs schreibt, kann es nach 30/40 Jahren Rockmusik passieren, dass sich die Themen irgendwie mal ähneln. Das bleibt wohl nicht aus.

Ein Song, „No Fear“, kommt wieder auf einen Filmsoundtrack und zwar von „Ludgers Fall“. Erzähl mal.

Das ist auch wieder Zufall gewesen, genau wie es schon bei „Straight To Hell“ der Fall war. Der Regisseur dieses Films ist ein Kumpel von mir. Er fragte an, ob wir ihm einen schön harten Song für den Soundtrack zur Verfügung stellen könnten. Wir haben ihm „No Fear“ angeboten, den er auch ganz geil fand, und im Gegenzug dazu hat er uns angeboten einen Videoclip bestehend aus Filmausschnitten von „Ludgers Fall“ zu „No Fear“ zu machen. Das passte uns natürlich auch sehr gut in den Kram.

Habt ihr den Song extra für den Film geschrieben?

Nein, den Song gab es schon vorher. Er wollte einfach eine schöne harte Nummer für den Soundtrack haben. Es sind auch noch andere Bands auf dem Soundtrack vertreten, z. B. Crematory, Die Krupps und Fiddler’s Green.

2004 habt ihr euer zwanzigjähriges Bandjubiläum gefeiert. Das ist eine lange Zeit. Wie siehst du die ganzen Jahre von „Prayers Of Steel“ bis „Speak Of The Dead“? Siehst du diese Zeit in einem Fluss oder eher in Abschnitten oder Phasen?

Beides. Das ist für mich der größte Teil meines Lebens gewesen, der ging natürlich in einem Fluss durch, da waren ja keine Pausen darin. Man kann es aber auch in verschiedene Phasen unterteilen, hauptsächlich in Bezug auf die verschiedenen Line-Ups. Da gab es die Frühphase mit dem allerersten Line-Up, als wir noch dabei waren unseren Stil zu finden. Dann gab es die erste längere Phase mit dem ersten Trio, welches dann von dem vierer Line-Up abgelöst wurde, mit dem wir unsere ersten klassischen Werke einspielten und danach kommt schon die jetzige Bandkonstellation, die nun schon seit sieben Jahren Bestand hat und damit das Langlebigste der Bandgeschichte darstellt.

Wie alt warst du, als du damals mit Avanger angefangen hast?

Da war ich 18, glaube ich. Ja, heute bin ich 40, damals war ich dann 18.

Schon 40! Respekt! Warst du damals Gründungsmitglied und war es deine erste Band?

Ja war ich, und nein, ich hatte zuvor schon ein paar andere Bands gehabt. Allerdings nichts was irgendwie plattenmäßig in Erscheinung getreten wäre.

Wie hießen denn diese Bands?

Die Band davor hieß The Darklights, und davor ..., ach weiß ich nicht. Da waren soviele wechselnde Namen. Im Grunde hatte ich immer meine Band mit verschiedenen Musikern mit denen ich herumprobiert habe. Die Line-Ups haben sich nie lange gehalten, genausowenig wie die Namen. Es sollte aber immer zu dem werden, was aus Avenger nachher geworden ist.

Warst du damals auch schon die treibende Kraft in deinen Bands?

Ja, es läuft heute eigentlich genau so, wie es damals auch schon lief, dass ich Hauptsongwriter bin. Lediglich in den Anfängen von Avenger hatten wir eine relativ gute Kreativteilung zwischen den beiden Gitarristen und mir. Vor allem einer von ihnen hat sehr viel mitkomponiert. Nach relativ kurzer Zeit ist er aber ausgestiegen, und seitdem bin ich eigentlich immer der Hauptsongwriter gewesen.

Wusstest du, dass du mal Profirocker werden würdest, oder hattest du schon andere Zukunftspläne?

Nein, gerade im Musikgeschäft kann man gar nicht so weit vorausplanen, und als ich mit 18 Jahren meine erste Platte gemacht hatte, wusste ich natürlich noch nicht, was sich daraus entwickeln würde. Soweit hatte ich auch gar nicht darüber nachgedacht. Irgendwann kam eben mal der Punkt an dem ich mich entscheiden musste, ob ich Musik zu meinem Beruf machen sollte oder was anderes. Damals bin ich ins kalte Wasser gesprungen und habe mich für die Musik entschieden, und das war wohl die richtige Entscheidung.

Hast du eine Ausbildung gemacht?

Mehrere sogar. Mit 15 bin ich aus der Schule geflogen, dann habe ich eine Lehre als Gärtner gemacht und danach habe ich eine Ausbildung zum Präparationstechnischen Assistenten begonnen. Das ist ein dreigespaltener Beruf. Seine Inhalte sind zum einen aus der Geologie Fossilienpräparation, zum anderen Tierpräparation im biologischen Bereich, und aus dem medizinischen Bereich dann Sektionsgehilfe.

Aha, verstehe. Dann mal zurück zum Metal und nochmal zu „Prayers Of Steel“. Ist es für dich im Prinzip das erste Rage Album, oder differenzierst du zwischen Rage und Avenger?

Für mich ist es im Grunde dasselbe, ob das nun Avenger hieß oder Rage ist egal. Es war dieselbe Band, und Namen sind Schall und Rauch. Den Namen Avanger hatte nicht ich mir ausgedacht. Mir waren die Namen eigentlich immer ziemlich egal. Auch den Namen Rage hatte sich unser damaliger Schlagzeuger Jörg Michael ausgedacht, und mir war es Recht gewesen. Insofern liegt „Prayers Of Steel“ ganz klar in einer Linie mit den Rage Alben.

Jörg und du habt beide Karriere als Musiker gemacht. Was ist mit den anderen Avanger Mitgliedern, Jochen Schröder und Alf Meyerratken? Weißt du was die heute treiben? Habt ihr noch Kontakt?

Die haben andere Berufe ergriffen. Der Alf ist schon sehr früh ausgestiegen, direkt nach „Prayers Of Steel“. Der wollte Atomphysiker werden. Hat er auch gemacht. Mittlerweile hat er das, glaube ich, aber auch aufgegeben und ist jetzt Tauchlehrer. Ich sehe ihn nur selten, denn er wohnt nicht mehr hier. Und der Jochen Schröder ist Innenarchitekt geworden. Der wohnt hier noch in der Gegend, den sehe ich gelegentlich.

Und wie steht es mit dem Kontakt zu Chris und Spiros Efthimiadis?

Da ist gar nichts mehr. Mit den Leuten möchte ich auch nichts mehr zu tun haben. Die haben mich damals vor ihrem Ausstieg so verladen. Ein Jahr lang haben die mich verarscht und haben hinter meinem Rücken ihre Popband zusammengebastelt und hatten sich noch schön bezahlen lassen, solange sie noch nicht auf der sicheren Seite waren mit ihrem Deal. Aber als sie den dann hatten, haben sie mir von heute auf morgen in den Arsch getreten. Und hintenherum haben sie dann viel Mist erzählt, dass Rage der totale Mist wären und all so ein Scheiß. Da ging wirklich viel Mist ab in der Zeit, und es war wirklich mieß wie die sich aufgeführt haben. Die Brücken zu denen sind absolut abgebrochen. Mit denen möchte ich nie wieder etwas zu tun haben. Die können von mir aus irgendwo verrecken ... da würde ich mich nicht umdrehen. Die Wut ist halt immer noch da. Das ganze ist auch nie ausdiskutiert wurden, und es wird wohl auch nie bereinigt werden, da von deren Seite auch null Kommunikation kommt.

Das ist alles ganz schön bitter. Aber viel Erfolg haben sie mit Sub 7 auch nicht gehabt.

Das finde ich aber auch nur gerecht. Die wurden erst zwei Jahre fett gehypt, sind dann aber gedroppt wurden, weil sie nichts verkauft haben.

Das geht dann wohl als die größte Enttäuschung in der Geschichte von Rage durch, oder?

Ja, für mich war es vor allem eine große persönliche Enttäuschung. Für die Fans wird es auch eine Enttäuschung gewesen sein. Denn wie Chris und Spiros sich über die Rage Fans und die Metal Fans an sich ausgelassen haben in ihren Interviews, die sie irgendwo bekommen haben, das war schon mehr als peinlich. Das zeugt doch deutlich von ihrem wahren Charakter, dass es ihnen nie um Musik ging, sondern immer nur um’s reich und berühmt werden.

Mann, Mann, Mann. Diese Schlammschlacht hatte ich damals gar nicht richtig mitbekommen. Ich habe die beiden eigentlich immer noch positiv abgespeichert.

Da würde ich aber schnell mal umspeichern. Die haben wirklich so einen Dreck über Rage und die Metalszene abgelassen; absolut peinlich. Das war so eine Kehrtwende, denn gleichzeitig haben sie sich zu Boygroup-Marionetten umfunktionieren lassen mit schickem Haarschnitt uns so; einfach vom Allerlächerlichsten und absolut unglaubwürdig. Ein schlimmeres Beispiel gibt es überhaupt nicht.

Diese Erfahrung war also der Tiefpunkt der Bandgeschichte, aber, zum Kontrast, was waren dagegen die absoluten Highlights?

Och, da gibt es einige. Die 22 Jahre waren eine schöne Zeit, und wir haben viele coole Sachen gemacht. Wenn ich da z. B. an die frühen Japantouren denke. Wir kamen da rüber wie die Beetles, alles hat gekreischt und gequietscht (lacht). Oder auch die ersten Shows mit Orchester, das war gigantisch. Das allererste Konzert mit Orchester haben wir im österreichischen Kufstein auf einer Burg gespielt. Das Ambiente war unglaublich, überall hingen Fackeln. Und wir standen mit diesem fetten Orchester auf der Bühne, und von hinten kriegst du dann einen fetten Tritt in den Arsch von den Leuten.

Eure zweite Show dann, auf dem Dynamo, war auch sehr geil. Die Fans waren so beigeistert, dass ihr eure Setlist zweimal durchspielen musstet, wenn ich mich richtig erinnere.

Ja, das war auch eine phantastische Show, und wir hatten gar nicht genug Musik vorbereitet. Das war ein tolles Erlebnis.

Neben diesen Highlights, was schätzt du ganz im Allgemeinen am Musikerdasein und was eher nicht?

Was ich am meisten schätze ist generell die Möglichkeit zu haben Musik zu machen, da ich das nunmal total liebe. Es ist toll sein Hobby zum Beruf machen zu können. Nicht so toll ist, dass man ziemlich viel mit Dingen beschäftigt ist, die mit Musik nicht so viel zu tun haben. Z. B. jetzt diese ganze Interview-Arie, das kann auf Dauer schon sehr nervig sein. Oder die ganzen Wartereien, wenn man auf Tour ist. Den Touralltag sollte man sich nicht so glorios vorstellen, denn 90% des Tages verbringt man mit Warten. Das ist ziemlich langweilig. Man hockt da irgendwo rum und kann einfach nichts machen. Man schlägt viel Zeit tot, die man viel sinnvoller nutzen könnte. Aber das alles gehört nunmal dazu. Ich denke mal, andere Berufe bringen auch sowas mit sich.

Du hattest jetzt 22 Jahre lang Zeit für Beobachtungen. Hat sich die Metalszene in diesen Jahren in irgend einer Weise signifikant verändert?

Die Metalszene ist heutzutage sehr aufgesplittet und unterteilt in kleine Segmente. Vor 20 Jahren war das nicht so. Damals war von Bon Jovi bis Venom alles Metal, und das war für alle OK. Da hatten die Fans nicht so viele Antipathien wie heutzutage. Da finden die ganz harten die Haarspray Rocker total bescheuert und umgekehrt gilt vermutlich dasselbe. Heute gibt es so viele Bands, dass alles sehr unübersichtlich geworden ist. Durch diese ganze Internetgeschichte wird es für junge Bands heute sehr schwer in die Szene hineinzukommen.

Kenne ich, daran arbeiten wir auch gerade.

Ja, man arbeitet hart daran, aber die Plattenfirmen investieren nicht mehr so viel in junge Bands. Es braucht eben auch ein paar Jahre eine Band aufzubauen, und Risiken gehen Plattenfirmen nicht mehr so gerne ein. Newcomer Bands leiden auch sehr darunter, wenn ihre Sachen nur noch illegal gedownloaded und nicht mehr gekauft werden. Das sind eher negative Entwicklungen in der Szene, die sich in den letzten Jahren ergeben haben.

Also stehst du der ganzen Download Geschichte auch sehr kritisch gegenüber?

Ich sehe das eher kritisch. OK, für eine Band wie Rage ist es nicht ganz so wild, weil es viele treue Fans gibt, die die Platten letztenendes kaufen. Aber ich glaube gerade Newcomer Bands haben es dadurch viel schwerer.

Zurück ins Hier und Jetzt. Es hatte die letzten Jahre ganz den Anschein als wärest du superglücklich mit dem aktuellen Lin-Up. Ist das immer noch so?

Ja, es ist mein Dream Team, und ich hoffe in dieser Form noch eine ganze Weile weiterarbeiten zu können.

Probt ihr eigentlich viel? Ihr wohnt doch weit voneinander entfernt, oder?

Wir wohnen ziemlich weit verstreut. Aber wir brauchen auch nicht mehr so viel proben, ehrlich gesagt. Es reicht uns, wenn wir uns ein paar Tage vor Events wie einer Tour oder einem Album treffen, um die Sachen durchzuproben. Wir müssen aber auch nicht vor jeder Show proben. Wenn man sich einmal das Set draufgeschafft hat, kann sich jeder für sich zuhause darauf vorbereiten; das reicht. Verglichen mit den alten Line-Ups ist es heute schon ein anderes Arbeiten.

Euer Songwriting spielt sich dann ebenso ab, dass jeder zuhause arbeitet und ihr euch dann gegenseitig Soundfiles hin und her schickt?

Genau. So ähnlich läuft es dann ab. Wir schicken aber nicht so viel rum, sondern treffen uns zwischendurch mal für ein paar Tage und spielen uns unsere Ideen vor und jammen auf den Themen rum und fangen an diese grob zu arrangieren. Das ist dann eine gute Arbeitsbasis. Das nimmt nicht mal so viel Zeit in Anspruch.

Was meinst du, wie lange wird es Rage noch geben? Jetzt bist du 40.

Hehe, ich hoffe natürlich auf eine sehr lange Zeit. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum einen natürlich von der Gesundheit, zum anderen von der Entwicklung der Musikszene. Man weiß ja nicht wie lange es noch Plattenfirmen gibt, die sowas finanziell unterstützen. Wenn das Alles den Bach runtergeht, dann wäre die Finanzierbarkeit sehr schwierig. Es hängt auch davon ab, ob die Fans überhaupt noch wollen. Wenn niemand mehr solche Musik hören will, dann macht es keinen Sinn mehr auf diesem Niveau weiterzuarbeiten. Wenn es nach mir geht kann es ewig so weitergehen. Mir macht die Sache viel Spaß und ist für mich zur Lebensaufgabe geworden.

Hast du schonmal daran gedacht eine Bandbiographie zu verfassen?

Du meinst ein Buch zu schreiben?? Ich bin, glaube ich, nicht so der tolle Buchschreiber. Na gut, man kann ja auch schreiben lassen, und ich weiß, das machen andere Musiker auch, der Mat Sinner hat ja mal so ein Ding gemacht. Aber ganz im Ernst, wer braucht solche Biographien?

Hast du dir die Grave Digger Bio mal reingezogen?

Ja, ich habe mal reingelesen, aber ich finde es nicht unbedingt toll. Ich halte sowas nicht für sehr sinnvoll. Also wenn jetzt so ein Typ wie Lemmy, der eine echte Legende ist, der auch wirklich was erlebt hat was wahrscheinlich die wenigsten Menschen auf diesem Planeten je erlebt haben, wenn er so ein Buch schreibt, dann macht das Sinn. Aber das brauchen wir nicht von jedem Hans der ein paar Jahre Musik macht. So interessant sind diese Dinge dann auch nicht.

Also ich würde schon hoffen, dass du dir die Sache doch noch mal überlegst.

Meinst du denn wirklich, ich habe so ein interessantes Leben, dass ich ein Buch darüber schreiben müsste?

Na ja, was heisst denn schon ein Buch. Es muss ja kein 800 Seiten Wälzer werden. Das Grave Digger Buch fand ich z. B. auch ganz lustig, und es gibt bestimmt genügend Rage Fans, inklusive mir, die sich so ein Ding gerne mal reinziehen würden. Viele Leute begleiten Rage schon seit vielen Jahren und wären bestimmt interessiert Hintergründe zu den Alben, Touren und Line-Ups zu erfahren.

Meinst du wirklich? Ich hätte nie gedacht, dass meine Person interessant genug für sowas wäre. Na ja..

Ich frag dich nochmal, wenn du 50 bist. Aber kommen wir langsam zum Ende.

Muss auch, denn gleich muss ich zum Nächsten weitereilen. Jede halbe Stunde der Nächste.

Also ganz fix jetze. Was passiert bei euch als nächstes, nach der ganzen Promotion? Geht ihr auf Tour?

In knapp zwei Wochen, am 23. März geht es los auf Europatour, danach kommt Russland, dann ein paar Sommerfestivals und dann nach Japan und Südamerika. Bis zum Herbst werden wir also beschäftigt sein.

Viel Erfolg für dieses volle Programm. Ich soll dir schöne Grüße ausrichten, von einem jungen Fan, und zwar Jochen Brückner aus Burgdorf.

Besten Gruß zurück.

Ich hoffe, er wird es hier an dieser Stelle lesen. Er ist übrigens, wie ich glaube, 15 Jahre alt. Der Fan-Nachwuchs rollt also an.

Das ist auch wirklich eine positive Entwicklung der Szene, dass immer wieder junge Leute dazukommen.

Und nun zum letzten Gesprächspunkt, der eher persönlicher Natur ist. Ich vermisse nämlich deine hohen Stimmlagen. Wirst du je wieder die Sirene auspacken?

Nee, da stehe ich überhaupt nicht mehr darauf. Diese Art zu singen finde ich sehr whimpy. Über meine Gesangsumstellung bin ich sehr froh. Mein jetziger Gesangsstil gefällt mir sehr sehr gut, und er steht mir auch viel besser. Es ist meine natürliche Gesangslage, und mit diesem unnatürlichen hohen Gequietsche macht man sich eh nur die Stimmbänder kaputt. Ich mag das nicht. Es hat für mich nichts mit Metal oder Härte zu tun. Es ist einfach nur ohne Eier. In den Achtzigern war das Mode, aber ich bin froh, dass das vorbei ist. Ich hätte heute überhaupt keine Lust mehr nochmal so zu singen.

Schnief. Na gut, Peavy. Das war es. Danke für das angenehme Interview. Alles Gute weiterhin. Ciao.

Gut. Bis dann. Tschö.









geführt am 12.03.2006   von Chickenfires
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musikalischer Background des Verfassers
Hauptsächlich Metal und 60er/70er Jahre Rock. Daneben alles Mögliche (z.B. EBM, Soundtracks, Folk, diversen Jazz Kram & Krautrock) und manches Unmögliche (z.B. Aqua, Madonna, Torfrock, Björk & Doris Day).
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