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Porcupine Tree "Nicht Im Regen Stehen (ge)lassen"
Durch nervigen Megadauerregen fuhren wir, Jockel und Arturek, Richtung Bielefeld und erschienen dann mit einer halben Stunde Verspätung ziemlich nass vor der Backstage-Tür des Ringlokschuppens. Doch Steven Wilson, einer der innovativsten und – wie sich herausstellen sollte – redseligsten Progrocker, ließ uns in mehrfacher Hinsicht nicht im Regen stehen: Wir konnten sofort in die Halle, das Interview begann ohne Wartezeit, zudem antwortete Wilson ausführlich, ohne dass wir überhaupt groß fragen mussten. Und das, obwohl wir nicht drum herum kamen, ihn auf ein Thema anzusprechen, über das er schon für viele renommierte Zeitschriften Interviews gegeben hat, das Motiv des letzten Werks Fear Of A Blank Planet von Porcupine Tree. So begann ein äußerst angenehmer Abend; problematisch war lediglich, dass wir nur eine halbe Stunde für das Interview hatten – der Kerl war einfach nicht zu bremsen, sobald wir eine Frage auch nur ansatzweise stellten. Aber lest selbst...
Weitere Infos zu Porcupine Tree:
REVIEWS:
Porcupine Tree Fear Of A Blank Planet
Porcupine Tree Nil Recurring
Porcupine Tree The Incident
Porcupine Tree Octane Twisted
INTERVIEWS:
Porcupine Tree - Nicht Im Regen Stehen (ge)lassen
Porcupine Tree - Kein Workaholic, Bloß Purer Genießer!

Deine neue Platte "Fear of a Blank Planet" beschäftigt sich mit der Motivationsarmut der Jugend. Glaubst Du, dass diese Problematik nur in Deiner Heimat Großbritannien eine Rolle spielt, oder handelt es sich um ein europäisches oder sogar weltweites Problem, besonders mit Blick auf die USA?

Ich glaube, das Problem liegt in der menschlichen Natur, es hat nichts direkt mit Amerika zu tun. Die USA sind allerdings leider die Quelle der meisten kulturellen Bezugspunkte, ihre Hollywood-Filme, ihre TV-Serien – jeder kennt Star Wars. Und leider tendieren viele dieser Referenzpunkte dazu, den kleinsten gemeinsamen Nenner des menschlichen Intellekts anzusprechen. Für Europa stimmt das nicht: Beispielsweise bin ich ein großer Fan des europäischen Kinos und der europäischen Musik, und hier scheinen mir die Ansprüche doch deutlich höher zu liegen. Die Amerikaner dagegen wollen den niedrigsten gemeinsamen Anspruch erfüllen, auch weil sie sich so sehr als globale Marke sehen.

Aber das eigentliche Problem liegt beim Menschen. Du kannst den Leuten tolle Werkzeuge in die Hand geben, die aktuelle Informationstechnik, das Internet, Handys, das iPhone und sowas – Werkzeuge, die ein unglaubliches Potenzial haben, auf viele wundervolle Arten genutzt zu werden –, aber die meisten laden sich doch nur Pornos herunter.

Um anspruchsvollere Gedanken zu entwickeln, musst Du aber ein Gefühl für Neugier auf das Leben und die Welt behalten. Und genau das vermisse ich am Meisten in der zeitgenössischen Kultur und momentanen Gesellschaft. Ich sehe so viele Kids, denen die Neugier fehlt, die ich als Teenager hatte. Ich war so neugierig auf Musik, auf Filme, auf Sex, auf Drogen, auf alles. Und jetzt? Aufgrund des Wildwuchs der Informationen, die über das Internet, über DVDs und übers Fernsehen auf uns einprasseln, gibt es immer mehr Wege, sich – wie Roger Waters gesagt hat – zu Tode zu amüsieren. Du kannst den ganzen Tag im Bett verbringen und nur vor Dich hin vegetieren; heutzutage ist es so einfach, seinen Intellekt herunterzufahren und zu verkümmern. [im Original schöner: "vegetate ... become a vegetable"]

Was am meisten fehlt, ist Neugier und Lebenshunger auf die Welt da draußen. Neugier ist das, was uns unter die Oberfläche von Dingen schauen lässt, was uns das hinterfragen lässt, was Hollywood als neusten Film auftischt, was die großen Plattenfirmen uns als tolle Musik vorsetzen wollen. Erst die Neugier lässt uns über die Scheinwelt der Medien hinausblicken. Sie bringt uns dazu, Reisen zu unternehmen, andere Menschen zu treffen, Erfahrungen zu sammeln.

Neugier ist das Gegenteil von "blank" aus dem Plattentitel, das Gegenteil von Leere. Ohne Neugier haben wir Inhaltsleere, haben wir nur Menschen ohne Leidenschaft und ohne jede Motivation, das Leben zu erforschen. Das Leben ist so ein wundervolles Geschenk.

Aber die Leute hören dann nur 50 Cent, sitzen in ihren Zimmern, ziehen sich Pornos rein oder hängen vor der Playstation. Das deprimiert mich ungemein. Wenn Du MTV einschaltest – ich halte das nicht länger als eine Stunde aus, ohne Selbstmordgedanken zu bekommen –, siehst Du in Shows wie Pimp My Ride nur so deprimierend banale und ungebildete Kids, die symptomatisch für das Problem sind. Das sind zwar alles Amerikaner, aber ich glaube, solche Typen gibt es auch in Deutschland, England – ich weiß, dass es sie in England gibt –, Asien oder sonstwo.

Die USA sind allerdings der stärkste allgegenwärtige Einfluss in unser aller Leben – leider, denn ich halte sie für einen der schlechtesten Einflüsse. Ich mag keine amerikanische Musik und Filme, aber es ist sehr schwer, mit einem so starken Marketing zu konkurrieren.


Was glaubst Du, können wir ändern? Es wird doch wahrscheinlich immer diese Leute geben?


Ja, in der Tat. Die einzige Art, wie wir was ändern können, ist Alternativen anzubieten. Solange es alternative Angebote gibt, besteht die Möglichkeit, dass die Kids sie entdecken.

Und genau das passiert: Wir bemerken, dass immer mehr Kids zu unseren Konzerten kommen. Man kann kein Fan von Porcupine Tree sein, ohne sich mit der Musik nicht zumindest ein bisschen mehr auseinanderzusetzen als mit der von Britney Spears – das hoffe ich zumindest. Das zeigt mir, dass da draußen durchaus Kids mit höheren Ansprüchen sind.

Die Geschichte der Menschheit zeigt uns immer wieder, dass auf jede Aktion eine Reaktion folgt. Was auch immer zur gesellschaftlichen Norm wird – die Kids werden dagegen rebellieren, wenigstens einige Kids. Als ich jung war, habe ich Möglichkeiten gefunden, mich gegen meine Eltern zu wehren, gegen die anderen Kinder in der Schule – und das war das Wichtigste am Aufwachsen. Momentan beunruhigt mich aber, dass diese "blank" Kids gegen nichts rebellieren. Sie sind zu apathisch zum Rebellieren. Ihre Eltern, die mit den Sex Pistols oder Led Zeppelin aufgewachsen sind, haben interessantere und radikalere Ansichten als ihre Kinder, die sich Green Day und Marilyn Manson anhören, was nur Kopien von The Clash und David Bowie sind.

Somit ist zum ersten Mal in der Geschichte die Jugend konservativer als ihre Eltern. Sie rebellieren nicht, und dadurch entsteht das Problem, denn die Rebellion ist ein wichtiger Bestandteil davon, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln und ein Individuum zu werden.

Aber wir sehen viele Kids auf unseren Konzerten, und auch viele andere Bands bieten diese Alternativen an. Ich kann nicht für die gesamte Musikszene sprechen, aber Bands wie wir, Opeth, Sigur Ros, Tool, Radiohead, Mars Volta oder Flaming Lips haben allesamt viele junge Hörer. Sie machen alle Musik mit einem größeren Anspruch, und das ist wohl alles, was wir wirklich tun können – sofern die Kids auch die Möglichkeit haben, diese Musik zu entdecken.

Als ich jung war, war für mich die Musik der Schlüssel zu allem. Ich habe alles – Bücher, Filme – über die Musik entdeckt. Durch die Interviews mit meinen Lieblingsmusikern bin ich neugierig geworden: Sie haben über die Filme und die Bücher geredet, die sie mögen, über die Themen ihrer Platten, über die Inhalte ihrer Texte. Das hat mich dann weiter zu Franz Kafka und Hermann Hesse geführt, zu den Filmen von Ingmar Bergmann, zu allem anderen. So bin ich an die gesamte Kultur herangeführt worden, zuerst über Bands wie Pink Floyd, dann habe ich Progressive-Bands entdeckt, und darüber die Künstlerbewegungen des letzten Jahrhunderts.

Ich hoffe, dass es den Kids heutzutage auch so geht, dass sie durch "Fear Of A Blank Planet" auf Interviews mit mir stoßen, ich denen ich über solche Künstler rede oder über David Lynch und Stanley Kubrick. Und dass sie dann denken, whow, lass mich über die Typen mal was herausfinden.


Liegt das Problem vielleicht auch im Überfluss an Informationen begründet, die durchs Internet und andere Medien auf die Kids einprasseln? Wir haben dieses Informationswachstum langsam zu bändigen gelernt, aber die Kids müssen alles auf einmal lernen?


Sie müssen lernen, alles auf einmal aufzunehmen, das ist sicher richtig. Als ich ein Kind war, war die Vorstellung, dass ich einen Fernseher in meinem Zimmer haben könnte, geradezu obszön. In den 80ern hatten die Kinder keinen eigenen Fernseher – wir waren schon froh, wenn wir einen kleinen Plattenspieler hatten. Aber jetzt haben schon die Fünfjährigen Fernseher, Gameboys, Playstations, iPods, Handys und Internet-PCs. Das ist ja auch so einfach für die Eltern. Sie stehen allerdings auch unter dem starken Gruppenzwang, dass ihre Kinder das gleiche haben wie die anderen.

Wenn die Kids so viel so jung bekommen, sind sie damit aber überladen. Allein das Internet plättet Dich so sehr. Nehmen wir nur wieder die Pornos: Als ich 12 war, wusste ich nicht mal, wie eine nackte Frau aussieht, das konnte man sich nur in seinen Träumen ausmalen. Aber jetzt gehen schon die Vierjährigen ins Internet und laden sich nicht nur einfach Nacktbilder runter, sondern direkt die extremsten und abartigsten Pornos, die man sich vorstellen kann. Was bleibt denn da noch übrig, auf das man neugierig werden könnte? Und die Kids glauben dann auch noch, das sei alles normal.

Mein Vorlage für das Kind in "Fear Of A Blank Planet" war eine Figur aus dem Buch "Lunar Park" von Bret Easton Ellis, Robby. Er ist typisch für die Kids, die an nichts interessiert sind. Für ihn ist alles langweilig, Pornografie, Sex, Musik, Filme, Drogen, alles langweilt ihn, weil er alles gesehen hat. Und er ist gerade mal 10.

Das mag jetzt eine düstere Vision sein, aber ich glaube, dass Musiker irgendwie die Verantwortung tragen, einen Spiegel hochzuhalten und dem Publikum zu zeigen, wie sie selbst sind. Die meisten Hörer entdecken zumindest kleine Wahrheiten, Kleinigkeiten, die sich an sich selbst entdecken. Auch mir geht es so: Ich bin an mein Notebook und mein Handy gefesselt – ich wünschte, es wäre nicht so. Ich lese nicht annähernd mehr so viel wie früher. Als Kind habe ich Bücher verschlungen, aber jetzt schaffe ich kaum eine Seite, ohne dass ich meine E-Mails abrufen will. Echt deprimierend, dass ich auch so geworden bin – dabei macht das alles mein Leben kein bisschen besser oder reichhaltiger.

Das Album hält also gewissermaßen einen Spiegel hoch und zeigt die Welt, wie ich sie sehe – und ich finde sie sehr befremdlich. Viele Hörer reagieren darauf, und ich hoffe auf eine positive Art.


Wie waren die Reaktionen auf die Platte?


Fast jeder hat was gesagt wie "Ich bin so froh, dass Du diese Platte gemacht hast, Du hast echt den Nagel auf den Kopf getroffen." Viele konnten die Gefühle unterstreichen, besonders Leute mit eigenen Kindern – ich selbst habe keine Kinder, aber ich kenne viele Leute, die Kinder haben und die ganzen Probleme kennen.

Heutzutage ist es ja auch sehr einfach, problematischen Kindern oder solchen, die einfach tun, was Kinder so tun, nämlich Schwierigkeiten bereiten und rebellieren, von einem Arzt attestieren zu lassen, sie hätten ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom) oder wären manisch-depressiv. Früher habe ich diese Ausdrücke nie gehört, doch jetzt sind sie sehr in Mode. Vielleicht irre ich mich, ich wäre sehr froh, aber mir scheint es zu einem Trend geworden zu sein, bei seinem Kind ADS oder Hyperaktivität diagnostizieren und ihm Pillen verschreiben zu lassen.

War meine Generation so sehr anders? Ich glaube nicht. Mir scheint es jetzt aber für die Eltern einfacher, sich von ihrer Verantwortung abzulösen.


Hier in Deutschland sind gerade in den letzten Wochen die Zeitungen voll von Fällen, in denen verwahrloste oder sogar tote Kinder in dreckigen Wohnungen mit betrunkenen oder drogenabhängigen Eltern gefunden werden. Das Problem wird offensichtlich immer wichtiger. Hast Du noch Hoffnung?


Ja! Ich kann mich wieder nur auf die Musik beziehen, denn davon verstehe ich am meisten. Die ganzen Kids, die zu Konzerten von Bands wie uns oder Anathema kommen, beschäftigen sich offensichtlich mit unseren Themen, denn es ist schwer, "Fear Of A Blank Planet" zu mögen, ohne sich irgendwie mit den Texten auseinanderzusetzen.

Wir erleben gerade eine interessante Zeit: Bands wie uns geht es immer besser, zu den Konzerten kommt ein immer größeres Publikum, mit jeder Platte finden wir mehr Beachtung – im Unterschied zur restlichen Musikindustrie, der es immer schlechter geht. Das liegt glaube ich daran, dass speziell bei jungen Leuten eine neue Wertschätzung entsteht, ein neuer Bedarf nach mehr als platter Unterhaltung, nach mehr als dem Bullshit, den die Plattenfirmen uns glauben lassen wollen. Dass es Bands wie uns oder Opeth besser als je zuvor geht, dürfte eigentlich gar nicht passieren, wenn die Musikindustrie so sehr den Bach runtergeht.

Einer der Gründe ist das Internet. So viele Probleme wie das Internet auch immer erzeugt, hat es doch auch gute Seiten. So befreit es Musik und Kultur von der Kontrolle des Marketings – jedenfalls bis zu einem gewissen Punkt. Du musst den Leuten immer noch einen Grund geben, Deine Webseite zu besuchen, aber wenn sie erstmal da sind, muss ihnen niemand mehr sagen, ob das der Kram ist, den sie mögen sollen oder nicht.

Auf MySpace habe ich beispielsweise mal die Seite einer 14-jährigen Venezuelerin gefunden, die unsere Platte hört und eine bizarre Musiksammlung präsentierte: Nickelback, Green Day und Van Der Graaf Generator. Ihr kommt gar nicht die Idee, dass man diese scheinbar komplett unterschiedlichen Bands nicht allesamt hören könnte. Sie hat beide im Internet entdeckt und schert sich nicht um Unterschiede, weil ihr diese zwischengeschaltete Konditionierung des Marketings fehlt, die ihr sagte, welche Bands sie zu mögen und abzulehnen hat, wenn sie Green Day mag.

Das ist das Positive am Internet. Ohne das Internet wären wir nicht so weit, wie wir sind. In den Anfangstagen hat zweifellos niemand unsere Plattem im Radio gespielt – das macht immer noch kaum jemand –, niemand hat unsere Videos gezeigt, niemand hat über uns geschrieben. Erst im Internet konnten wir uns eine Heimat aufbauen.


Deine Hoffnung besteht also darin, dass Bands wie ihr weiter anspruchsvolle Musik macht und dass die Kids, die nicht nur konsumieren wollen, statt MTV zu schauen auf MySpace gehen und dort die kreativen Leute finden und so ihre Neugier bewahren oder finden?


Problem und Antwort liegen in der menschlichen Natur. Obwohl die Menschen dazu neigen, sich, wenn möglich, passiv und teilnahmslos zu verhalten und Dinge einfach passieren zu lassen, ist es gleichzeitig genauso natürlich, gegen Normalität zu rebellieren, gegen Bequemlichkeit und gegen Leichtfertigkeit. An irgendeinem Punkt sagen die Kids, dass sie es alles leid sind, dass die Hollywoodscheiße und diese Musik sie krank machen, dass da noch so viel mehr sein müsste. Nicht jeder wird natürlich so reagieren, aber genügend Leute.

Aber so war es doch immer, und so wird es immer sein: Es gibt Menschen, denen es reicht, einfach nur zu vegetieren und zu existieren, und es gibt Menschen, die ein höheren spirituellen Level erreichen möchten – Neugier ist der Schlüssel dazu, Neugier und Spiritualität.


Spiritualität und Neugier sind also wichtiger als Religion?


Ja, die Religion ist Teil des Problems, nicht Teil der Heilung. Sie ist nur ein anderer Weg, die Menschen zu kontrollieren. Diese ganze Sache mit den religiösen Dogmen -- ich fühle mich dabei nicht wohl. Die organisierte Religion gleicht für mich einer Krankheit. Eine grässliche Sache, sie beutet Leute aus, die auf der Suche nach etwas Hilfe sind.


Du meinst nicht den Glauben?


Nein, nur die organisierte Religion. Der Glaube kann manchmal wohl etwas Gutes bewirken, er hilft Leuten, er kann ein Weg nach vorne für Menschen sein, die Probleme haben. Aber das ist ein schmaler Grat. Im Grund glauben die Leute an etwas, das ich für großen Mist halte. Und wie lange will man jemanden an so großen Mist glauben lassen, selbst wenn es ihm hilft? Das ist doch eine echt schwierige Frage: Sie glauben an eine Lüge, aber das macht sie glücklich. Soll man ihnen die Wahrheit erzählen oder soll man ihnen ihre Geborgenheit lassen?

Ich glaube daran, dass das Geschenk des Lebens etwas zufälliges im Universum ist. Ich glaube nicht daran, dass die Menschheit einer höheren Bestimmung folgt, sondern dass wir nur sowas wie eine Laune der Natur ["freaks of nature"] sind. Uns wurde das wunderbare Geschenk des Lebens gegeben – danach kommt meiner Meinung nach nichts – und wir sollten das Beste daraus machen. Ich glaube auch daran, dass es eine große Tragödie ist, das uns geschenkte Leben zu verschwenden.


Willst Du versuchen, Porcupine Tree als eine Band zu etablieren, die solche Themen anspricht? Willst Du ähnlich wie Pink Floyd bei The Wall und später Roger Waters ein Spiegel sein, eine Art soziales Gewissen?


Ich will das gar nicht so bewusst, sondern ich habe einfach eine natürliche Neigung, über Dinge zu schreiben, die mich interessieren. Ich setze mich nicht hin und frage mich, welche gesellschaftlichen Themen ich in meinem nächsten Album anspreche oder welche Behandlung ich empfehle. Stattdessen fange ich einfach an zu schreiben und ganz automatisch schlagen sich die Themen, die Dich bewegen, in Deiner Arbeit nieder.

Damals war ich wohl ziemlich deprimiert über das, was ich auf MTV gesehen habe, und dann bin ich auf das Buch "Lunar Park" gestoßen. Diese ganzen Gedanken sind dann von selbst entstanden. Bevor ich es bemerkt hatte, hatte ich dann plötzlich ein ganzes Album beisammen, das aus einem einzigen Ideenpool schöpft. Mir wurde dabei deutlich klar, dass ich Teil einer Art von globalem Gewissen war. Wenn mir also irgendwas gewaltig auf den Keks geht, bin ich nicht der einzige.

Hier möchte ich jetzt aber eine Band wie Porcupine Tree, die über diese Themen in einer vielleicht deprimierenden, melancholischen Art schreibt und Alben veröffentlicht, die dem Publikum einen Spiegel vorhalten, von dem Ansatz abgrenzen, den Bruce Springsteen oder Bono verfolgen. Da ist ein großer Unterschied. Sie schreiben auch über Dinge, die sie bewegen, aber sie wollen ihrem Publikum vorschreiben, was sie zu denken haben, wen sie zu wählen haben, wem sie zuhören sollen, was sie sich ansehen sollen. Das würde ich so nie machen, ich sage den Leuten lieber, was ich denke, und sie sollen sich ihr eigenes Urteil bilden. Vielleicht denken sie ja, ich rede Müll, und vielleicht rede ich ja auch Mist, aber besser so, als wie Springsteen direkte Empfehlungen zur US-Präsidentschaftswahl abzugeben oder dieses Politikdings von Bono durchzuziehen. Musiker sollten sich aus der Politik heraushalten.


Auch wenn wir viele der Ideen von Springsteen und Bono gutheißen?


Ich fühle mich mit solchen Empfehlungen einfach nicht wohl, das wirkt so herablassend. Nur weil ich Musik machen, heißt das doch nicht, dass ich von solchem Kram mehr verstehe als jeder andere – vermutlich sogar weniger. Ich bin mir sicher, dass sich viele Leute "Fear Of A Blank Planet" anhören, in denen viel mehr steckt als in mir. In diesem Sinne sind das doch alles nur persönliche Meinungen. Ach Jungs, wir könnten den ganzen Tag über sowas reden, aber so langsam....


Kurz noch eine private Frage. Du hast David Lynch angesprochen, was hältst Du von seinem letzten Film "Inland Empire"? Ist der nicht verdammt großartig verrückt? Man kann sich kaum drüber unterhalten, weil ihn niemand versteht.


Ich glaube, Lynch weiß selbst nicht, worum es geht. Das ist aber auch gar nicht wichtig. Der Film ist eine großartige Arbeit, er regt Dich zum Denken an, noch Tage später beschäftigt er Dich. Wenn ich mir einen Hollywood-Blockbuster ansehe, vergesse ich ihn schon eine Minute später und habe keinerlei Interesse, ihn je wieder zu sehen. Aber der Lynch-Film, der lief über drei Stunden, und als ich ihn im Kino gesehen hatte, hatte ich überhaupt nicht verstanden, wovon er handelt, aber ich habe mich keine einzige Sekunde lang gelangweilt, er hat mich die ganzen drei Stunden lang komplett in Anspruch genommen. Genial, den werde ich mir noch häufig reinziehen. Nach dem Film haben alle gesagt, dass sie komplett gefesselt waren. Er ergibt keinen Sinn, und vielleicht soll er das auch gar nicht – das ist ja ein Aspekt der europäischen Kultur.

Ich habe zwar gesagt, dass ich keine amerikanischen Filme mag, aber trotzdem sind meine beiden Lieblingsregisseure Amerikaner: David Lynch und Stanley Kubrick. Sie sind Amerikaner, aber sie drehen Filme im europäischen Stil. Kubrick hat sein gesamtes Leben in England verbracht, er hasste die USA. Ihr Stil war von europäischen Regisseuren wie Ingmar Bergmann und Jean-Luc Godard geprägt. Ihr Handwerk haben sie in Amerika gelernt, aber ihre Vision folgt den europäischen Filmemachern – das ist für mich die angenehmste Kombination.

Aber jetzt müssen wir wirklich leider...


Ok, vielen Dank für das Interview!










geführt am 16.01.2008   von Jockel
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