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Status Quo "3 Akkorde Für Ein Himmelreich"
Ein Interview mit Status Quo zu führen war schon immer ein kleiner Traum von mir, seit ich die Band 1977 mit dem Album „Quo Live“ für mich entdeckt hatte. Zu keiner Zeit habe ich darüber nachgedacht, ob es diese Band vielleicht eines schönen Tages nicht mehr geben würde. So begaben wir uns, Arturek und ich, dann am Nachmittag des Hannoveraner Konzerts zur AWD-Hall (siehe Livebericht), um einen bestens aufgelegten Francis Rossi zu treffen. Auf der Bühne ist das Urgestein ja bekannterweise immer für den ein oder anderen Joke zu haben, dass er aber im Interview ein äußerst angenehmer Zeitgenosse ist, der ständig irgend einen Spruch auf den Lippen hatte, überraschte uns dann doch sehr. Keinerlei Starallüren, kein arrogantes Auftreten, sondern einfach nur gute Laune. Das Interview war noch gar nicht im Gange, da riss er schon die ersten Zoten über Artureks lange Haare (siehe Foto) und es entwickelte sich daraus ein ziemlich ungezwungener Einstieg in eines der besten Interviews, die ich bisher geführt habe. Auch wenn ich manches Mal einige Schwierigkeiten mit dem extremen Akzent von Herrn Rossi hatte. Nun wünsche ich viel Vergnügen mit dem Interview.
Weitere Infos zu Status Quo:
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INTERVIEWS:
Status Quo - 3 Akkorde Für Ein Himmelreich

Hallo Francis. Es ist mir eine Freude, dich kennenzulernen und mit uns dieses Interview führen zu dürfen. Wenn ich einmal das Rad der Zeit zurück drehe, so fällt auf, dass von den vielen Bands aus den Tagen, als ihr gestartet seid, nur noch wenige Überlebende gibt. Das sind einmal die Rolling Stones und dann sind da Status Quo.
Wenn man so darüber nachdenkt, dann realisiert man, dass die meisten Menschen, die man kennt, inzwischen von uns gegangen sind. So ging es uns in jeder Dekade. Auch wenn manche Leute meinten wir wären nicht cool, aber wir sind immer noch da. Wir schätzen das sehr, fühlen uns glücklich dabei und wissen trotzdem nicht warum.

Hat das auch etwas mit Glück zu tun?
Ja, sicher hat es etwas damit zu tun. Es ist viel Glück aber auch viel harte Arbeit. Wenn mich jemand fragt, was ich jungen Menschen empfehle, dann antworte ich meistens: „Vergiss es. Sie haben nicht das Zeug dazu, der Biss fehlt, der Wille zu überleben.“ Es muss immer nur nach vorne gehen, aber die meisten erfolgreichen Menschen hatten alle ihre Zeiten des Misserfolgs, der Erfolglosigkeit und der Frage nach dem Warum.


Ihr seid nun mehr als 40 Jahre on the road. Was bedeutet es für dich unterwegs zu sein?
Weißt du, jeden Abend da oben zu stehen ist ein Teil von mir. In Zeiten wie jetzt, kurz vor dem Auftritt, denke ich immer: „Warum mache ich das immer noch. Ich will doch gar nicht mehr auf die Bühne“ und jeden Abend, wenn ich dann da draußen stehe, fühlt es sich noch immer gut an. Ich will eigentlich gar nichts anderes tun, ich genieße es regelrecht. Und wir haben immer noch Spaß dabei. Das ist alles was ich in meinem ganzen Leben gemacht habe. Ich habe die Schule im Alter von 15 Jahren verlassen und nie etwas anderes gemacht. Für mich ist das Selbstbestätigung, ich brauche dieses Gefühl erfolgreich zu sein. Das ist abgedreht, ich weiß.

Ist das inzwischen die tägliche Routine oder immer noch Spaß?
Warum denkt jeder, dass Routine keinen Spaß machen kann? Stell dir vor, du gehst jeden morgen zur Arbeit und da gibt es diese beiden wunderschönen Blondinen. „Ah, egal, das ist Routine. Die interessieren mich nicht.“ Ich liebe die Routine. Sieh mal, wir hatten gestern einen Off-Day und konnten kein Hotel in Hannover finden. So sind wir dann in Braunschweig gelandet, da gibt es ein wundervolles Hotel, in dem wir uns alle sehr wohl fühlen. Ich bin dann heute morgen sehr spät aufgestanden und stellte fest, das mir meine morgendliche Routine fehlte. Ich brauche das. Die Gigs sind inzwischen wichtiger geworden als damals, als ich noch ein Kind war oder noch ein junger Mann... sorry, na ja, eben jünger als jetzt, ha, ha, ha. So ca. Mitte Ende zwanzig, wenn du denkst, dass du alles weißt. Ich bin jetzt zufriedener als damals und das hat auch viel mit Routine zu tun.

Ich selber betreibe einen Schallplattenladen und wundere mich manchmal, was da so alles veröffentlicht wird. Eine Band, ein Album, das war’s. Es gibt keine Chance mehr, dass eine Band aufgebaut wird. Es geht nur noch ums Geld.
Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft. Und das muss es geben. Wenn wir denken, dass es so was nicht gibt, ist das sehr naiv. Ich verstehe den Kapitalismus nicht wirklich, wir waren Hippies damals und heute stelle ich fest, dass sie recht gehabt haben. Aber was soll man tun, sich selber schlagen? Es gibt derzeit keinen Weg da raus und ich finde das frustrierend. Aber wir leben nun einmal in diesem System und müssen das Beste daraus machen. Wir brauchen sechs Monate um ein Album fertig zu stellen. Die Beatles haben damals nur ein paar Stunden benötigt und wenn man das alles bezahlen will, dann braucht man eine Plattenfirma mit gut gefülltem Bankkonto.

Ich habe gestern das große Vergnügen gehabt einen fantastischen Gitarristen spielen zu sehen. Es handelt sich dabei um Todd Wolfe (lange Zeit Gitarrist für Sheryl Crow) und es waren gerade einmal 50 Leute anwesend. Da gibt es Künstler, die einfach großartig sind und niemand nimmt davon Notiz. Das finde ich traurig.
Du vergisst dabei aber, dass für dich Musik eine Menge bedeutet. Für mich ist das genauso. Aber da draußen gibt es Menschen, die das überhaupt nicht interessiert. Dafür sind sie an Sport interessiert; Tennis, Fußball oder Golf. Ihr ganzes Leben richtet sich danach aus. Das Leben ihrer Familien, der Kinder, der Ehefrauen, alles richtet sich am Sport aus. Für uns, für euch und genauso für mich, ist es die Musik. Wir sind da extrem emotionell, wir lieben die Musik. Aber wenn man dann anderen versucht das zu vermitteln, dann kann da auch ganz schnell Unverständnis entstehen. Ich habe zum Beispiel nie verstanden, warum Leute die Musik intellektualisieren müssen. Für mich und für dich auch, hat das viel mit Emotionen zu tun. Ich erinnere mich gerne an diesen einen bestimmten Song (singt „Save you love my darling, save your love...“), der mich immer an meinen italienischen Vater erinnern wird. Musik bedeutet uns etwas und anderen bedeutet es eben nichts. Das müssen wir so akzeptieren.



Musik muss einen berühren.
Stimmt und ich werde nie verstehen, warum das nicht bei allen Menschen so ist.

Was bedeutet es dir, auf der Bühne zu stehen und zu sehen, dass da viele junge Menschen im Publikum sind?
Wir haben viele alte Fans, die einfach mit uns gewachsen und älter geworden sind, Aber seit ungefähr 15 Jahren stellen wir fest, dass es inzwischen auch viele junge Leute in unsere Konzerte zieht. Ich glaube, dass wir dafür dem Internet danken können. Junge Leute sehen Videos auf Youtube, es gefällt ihnen und sie scheren sich nicht darum was ihre Freunde darüber denken. Sie kommen einfach zu unseren Shows. Das interessante auf dieser Tour mit der Spider Murphy Gang ist, dass die Band ältere Fans zieht als wir selber. Da mache ich mir aber keine Gedanken darüber. Ich erinnere mich an einen britischen Journalisten, der mir erzählte, dass im Publikum, das war so in etwa als ich selber dreißig war, Teenies wären. Das wäre doch nicht cool. Ein paar Jahre später erzählte mir derselbe Journalist, dass wir nun im Publikum Leute hätten, die über dreißig wären. Das wäre gar nicht cool. Und ich stellte mir die Frage, worüber zum Teufel, der Kerl da eigentlich quatscht. Leute unter 19 sind uncool und Leute über 30 genauso? Mich interessiert es nicht, wie alt da irgend jemand im Publikum ist. Wir machen keine Musik für ein bestimmtes Alter. Mich interessieren die Menschen, nicht ihr Alter. So ist mein Ego, ich liebe Menschen und Geld.

Ich habe heute noch ein ca. 10 Jahre altes Interview mit dir gelesen, in dem der Journalist erklärt, dass die Leute in England eure Musik „Dad Rock“ nennen. Für mich hat das etwas mit fehlendem Respekt euch gegenüber zu tun.
Ich muss gestehen, dass mir das bisher noch nicht untergekommen ist (Anm. Metalglory.de: das Interview ist im Internet zu finden). Weißt du, die Leute nennen mich den „Grand Old Man of Rock & Roll“ und ich finde das albern, denn da gibt’s weitaus ältere Musiker da draußen als mich. Status Quo hat in England den Ruf cool zu sein. Du kannst jeden auf der Strasse fragen. Du hast noch nie eine Status Quo Platte gekauft, aber Status Quo ist cool. Das hat etwas mit der englischen Presse zu tun. Wir waren immer in der Presse, egal ob gut oder schlecht. Wir waren immer darin zu finden. Du musst immer weiter machen! Es tut manchmal sehr weh, aber zieh dein Ding durch. Viele junge Bands wollen einen Deal mit einer Major Record Company. Ich verstehe nicht warum. Die Plattenfirmen haben nicht mehr die Kraft, die sie einmal hatten. Du kannst heute die Menschen ganz anders erreichen als damals. Du und ich sind nicht zum Download bereit und man wird uns auch nie davon überzeugen. Wir müssen ein Plattencover in der Hand halten, wir müssen sagen: „Ich habe es gekauft. Es gehört mir.“ Ich würde mir eher in den Fuß schießen, bevor ich etwas downloade. Sorry, ich schweife ab.

In eurer über vierzig Jahre dauernden Karriere hat es kaum Schlagzeilen oder negative Presse gegeben...
Ach klar hat es die gegeben. Die Scheidungen und auch Drogen. Ich habe Drogen genommen und manchmal schäme ich mich dafür. Ich war abhängig, ich war den Drogen verfallen. Die meisten davon waren legal. Hä? Ich sagte, die meisten davon waren legal. Kodein, illegal! Marihuana, illegal! Oh Shit, das wusste ich nicht. Man kann doch darüber denken was man will. Da gibt es nichts schön zu reden, es gibt aber auch nichts über das man herziehen muss. Wir haben alle unsere Abhängigkeiten. Manche sind gesundheitsfördernd und manche eben nicht. Wenn du einmal richtig viel Spaß haben willst, dann guck dein Hochzeitsvideo rückwärts. Du wirst den Moment lieben, in dem sie den Ring vom Finger zieht, rausgeht, ins Auto steigt und weg fährt. Ich liebe solchen Blödsinn.

Eine ziemlich blöde Frage jetzt. In Zeiten, in denen wir uns vor Reunions kaum retten können, habt ihr da jemals über eine Reunion mit John (Coughlan) und Alan (Lancaster) nachgedacht?
Ja, haben wir. Ich habe kürzlich mit Alan gesprochen und er ist sensibel genug gewesen, zu erkennen, dass er kein volles Set mehr spielen kann. Alleine die Vorstellung, dass wir drei Shows im Wembley Stadium und vier Shows in München machen könnten... Nein, es würde niemals wieder so werden wie damals. Ähnlich verhielt es sich mit John. Wir hatten ein sehr angenehmes Gespräch. Aber auch er kann das nicht mehr durchstehen. Dafür sind beide zu lange weg und haben zu lange nicht mehr gespielt. Das wäre auch keine Freude für die Fans.

Nächste Frage. Gibt es einen großen Unterschied zwischen den deutschen und den britischen Fans?
Fundamental betrachtet sind alle Fans gleich. Aber ja, es gibt einen Unterschied.
Äh, OK. Weißt du, ich erinnere mich da an eine Geschichte als ihr das letzte Mal in Hannover wart. Da war eine ca. 65 Jahre alte Frau, die versuchte ihren Mann in die erste Reihe zu holen. Ich fand das fantastisch.
Das passiert nur in Deutschland, aber wie ich vorhin bereits gesagt hatte, eigentlich interessiert mich das Alter nicht. Ich habe die Tage diese deutsche Band Rammstein gesehen. Tolle Band, aber kannst du dir vorstellen, dass da Siebzigjährige im Publikum stehen?



Wenn du zurückschaust, was war der bedeutendste Moment in deiner Karriere?
Der bedeutendste? Wow, da gab es zu viele als dass ich da einen bestimmten rauspicken könnte. Der erste Gig, die erste Platte, alles solche Dinge. Sie waren bedeutend in dem Moment und ich erinnere mich gerne daran. Ich werde häufig gefragt, welches der beste Gig unserer Karriere war und alle warten auf Live Aid (1985). Viele glauben, je größer ein Konzert war umso besser war es auch. Dabei ist es wesentlich unpersönlicher. Und dann denke ich an Gigs irgendwo im schwedischen Hinterland, 5000 Leute und denke, dass war wundervoll und du kannst nicht erklären warum. Ich glaube, deshalb werden so viele Menschen in diesem Business verrückt. Ständig auf der Suche nach dem besten Kick und sie verpassen dabei den Augenblick. Jeder Abend, jeder Gig ist anders.

Viele alte Bands gehen zurück zu ihren Wurzeln, dem Blues. Wenn ich heute die alten Status Quo Platten höre, so steckt da enorm viel Blues drin. Habt auch ihr vor ein Blues-Album zu machen?
Um das zu verstehen. Als wir Blues gespielt haben, war ich ein weißer Junge, der weiße Bluesmusiker kopiert hat, die schwarze Bluesmusiker kopiert haben. Ich mochte das sehr und ich mag das auch noch immer, aber ich bin kein Blues-Gitarrist. Ich kann das auch nicht wirklich schreiben. Einflüsse ja, sicherlich, aber der bluesigste Song von uns ist „Electric Arena“. Kein Blues, sonder eher bluesiger Pop. Viele Leute haben ein Problem mit Pop. „Ihr macht Rock!“ Nein, es ist populäre Musik. Und mir ist es egal, wie du das nennst.

Du hast gerade ein Solo-Album veröffentlicht. Das zweite in 15 Jahren. Was hat dich dabei angetrieben?
Ego! Ich hatte die Songs und wollte sie veröffentlichen. Im Februar komme ich übrigens wieder zurück auf Solo-Tour mit einer anderen Band. In kleinen Clubs mit 500 Leuten Fassungsvermögen. Niemand will mich ohne Status Quo sehen, aber mir macht das enorm viel Spaß. Hast du eine weitere Frage? Beeil dich, sonst kommt unsere Tour Managerin wieder rein...

Status Quo ist eine Band, die auch heute noch viele Tage des Jahres auf Tour ist. Meinst du, dass auch das damit zu tun hat, dass ihr noch immer erfolgreich seid?
Nun siehst du, wir können nicht wirklich fliehen. Wir haben nie den amerikanischen Markt geknackt. Wir sind für gewöhnlich jedes Jahr in Deutschland (siehe u.a. Livebericht aus Hannover). Wir versuchen das jetzt ein wenig zu ändern und nur noch alle zwei Jahre aufzutauchen. Leute glauben, dass du dann besser bist. Warum auch immer. Wir haben unser Publikum nun mal in Europa. Wir spielen zwar auch ein paar Shows in Australien, Japan und paar wenige in den USA, aber wir sind eine europäische Band.

Francis, herzliche Dank für dieses aufschlussreiche Interview und danke, dass du dir Zeit für uns genommen hast.
Auch euch vielen Dank. Habt viel Spaß bei der Show nachher.



geführt am 17.11.2010   von Christoph
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