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Timemage "Über Idealismus Und Die Intoleranz Der Metal-szene"
TimeMage waren und sind etwas Besonderes in der harten Musikszene. Qualitativ hochwertig, durch und durch idealistisch und damit so anders, dass der in Schubladen denkende Metal-Konsument völlig überfordert ist. Und so ist das Interview mit Stefan Schenkel, dem Mastermind, auch teilweise eine Bestandsaufnahme einer Szene, die vielleicht doch nicht ganz so offen und tolerant ist, wie sie sich gerne sieht.
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TimeMage - Über Idealismus Und Die Intoleranz Der Metal-szene

Hallo Stefan, „Black Invocation ist jetzt seit ein paar Monaten als Album komplett (Anm. des Verfassers: Stefan hat einzelne Songs nacheinander auf der Homepage veröffentlicht). Du hast - denke ich – auch noch einige Promos verteilt. Wie waren die Reaktionen?
Sie sind deutlich schärfer und härter im Ton, als das Früher der Fall war bzw. vor unserer Wiedergeburt 2011. Du weißt ja sicherlich, dass wir viereinhalb Jahre nichts veröffentlicht haben und es hat sich zwischenzeitlich eine Menge verändert. Der Grund war, dass sich meine Lebenssituation stark verändert hat, weil ich zwischenzeitlich zweifacher Vater geworden bin. Ich bin in dieser Pause sogar davon ausgegangen, dass ich eventuell nie wieder ein Album veröffentlichen werde, weil sich meine Prioritäten einfach verschoben hatten. Mir hat schlichtweg die Zeit gefehlt und - auch wenn es sich um Homerecording handelt - verschlingt jede Produktion einen ordentlichen Batzen. Als Folge dessen ist fast mein ganzes Equipment schweren Herzens vorerst auf ebay gelandet. 2011 hat mich dann aber dermaßen die Sehnsucht nach der Musik gepackt, dass ich angefangen habe, mir Schritt für Schritt alles wieder aufzubauen.

Ich selbst habe mich ja schon bei Rebirth gefreut, dass es TimeMage immer noch bzw. wieder gibt. Womit erklärst Du es denn, dass der Tonfall härter geworden ist? Wie hat sich denn aus Deiner Sicht in diesen Jahren die Szene verändert?
Die Szene, die ich 2011 vorgefunden habe, ist verbohrter denn je - was ich nicht für möglich gehalten hätte, weil ich sie schon immer als verbohrt empfand. Für mich stellt sich das so dar, dass auf der einen Seite die alten Metalheads stehen und das sind mehr oder weniger immer noch die gleichen Leute. Deren Intoleranz geht wirklich auf keine Kuhhaut mehr. Sie kämpfen mit ausgefahrenen Krallen gegen alles, was nicht in ihr musikalisches Weltbild passt. Dann hast Du diese gigantisch große Gruppe, die alles Mögliche hört, was ein "Core" in der Genrebezeichnung trägt. Das ist eine Mainstream-Bewegung, die mich völlig abstößt und die ich gleich noch weniger ab kann. Diesen Typen ist doch Image wichtiger, als Musik. Sie konsumieren Musik, wie andere Markenklamotten tragen Ich mag meinen Metal unprätentiös, bescheiden und gewollt uncool. Fernab von jedem Rockstar-Gedöns.

Betrifft Dich diese Art der Intoleranz mit Deiner Musik bzw. jetzt konkret mit TimeMage auch? Seit ich Deine Musik kenne, spielst Du immer einen Stil, der sehr individuell und gar nicht so direkt kategorisierbar ist...
Klar betrifft uns das! Uns wird mit TimeMage Heute verstärkt vorgeworfen, dass wir nicht kategorisierbar sind. Das wird allen Ernstes als Kritikpunkt angeführt und viele Leute haben auch echt keinen Bock, sich eingehend mit etwas zu befassen, von dem sie vorab nicht wissen, was sie erwartet. Die Leute wollen versöhnliche Kost und das nicht nur im Bereich der Musik. Als Filmfan und Zocker erlebe ich bei diesen beiden Kunstformen genau das Gleiche. Hollywood remaked und rebootet, was das Zeug hält, während die Spiele-Branche einen Ego-Shooter nach dem nächsten auf den Markt wirft. Ja nichts ausprobieren und ja nichts riskieren - die Leute könnten es abstrafen. Und weißt Du, was das Schlimmste ist? Das passiert auch tatsächlich!

Ich kann Deine Worte nachvollziehen. Für mich waren Such A Surge mit „Gegen den Strom“ eine Art Lebensgefühl...einfach anders sein und sich dabei gut fühlen. Liegt in Deiner Beobachtung bzw. Einschätzung der Szene auch ein Grund, dass TimeMage völlig unkommerziell geblieben und Eure Musik frei verfügbar ist? Ihr seid ja alleine deswegen schon anders, weil Ihr Euch über jeden Download und jede Präsenz in einer Tauschbörse freuen müsstet...
Die Entscheidung, den kompletten Back-Katalog und auch die aktuellen Releases völlig kostenlos ins Netz zu stellen, ist auf eine breite Ablehnung gestoßen, die mich schockiert hat. Ich sehe darin auch einen Mitgrund, weshalb wir jetzt härter angepackt, oder gar nicht erst rezensiert werden. Ein „Rezensent“ hat wortwörtlich über unsere neue Platte geschrieben: „Das Projekt disqualifiziert sich mit seiner Freigiebigkeit, da man diese Verramschung künstlerisch nicht ernst nehmen kann.“ Da steckt meines Erachtens nach so viel Dusseligkeit drin, dass ich im ersten Moment lachen musste. Was ändert es denn bitte an der Musik selbst, ob ich von einer Platte ein Exemplar, oder eine Million verkaufe? Nichts! Ich möchte an dieser Stelle Oscar Wilde bemühen, von dem das Zitat stammt: „Heutzutage kennen die Leute von allem den Preis, aber von nichts den Wert.“
Wir leben in einer Zeit, in der wir jeden Wert versuchen in Geld aufzuwiegen. Das macht mich traurig. Gerade weil die Leute so denken, habe ich mich zu dem Schritt entschlossen, unsere Mucke einfach so ins Netz zu stellen. Das ist sozusagen mein kleiner Protest, gegen diese fürchterliche Kommerzdenke, auch wenn das in viele Köpfe nicht rein geht.

Es ist in der Tat irrsinnig diesen Vergleich zu ziehen, aber es ist in der Tat so, dass Du den Leuten klar machen musst, dass kostenlose Musik extrem gut sein kann (Windrider von Elliot Vernon sind auch so ein Beispiel) und teuer produzierte und vermarktete Aufnahmen unter Umständen richtiger Müll sind. Zurück zu TimeMage: Es gibt doch aber auch die Stimmen im Netz, die Euch genau dafür klasse finden oder täusche ich mich da in meiner Wahrnehmung. Ich glaube ja nicht, dass ich der einzige bin, der Eure kostenlosen Werke qualitativ über so manche Labelveröffentlichung stellt.
Ja klar, die gibt es und ich bin dankbar um jede differenzierte Kritik! Früher hat man uns in der Presselandschaft fast durch die Bank abgefeiert. Das ist nicht mehr so und das nehme ich zur Kenntnis, auch wenn es schmerzt, aber es wird mich nicht von meinen Überzeugungen abbringen. Ich will auch nicht alles schwarzmalen: Während sich die Kommerzmaschinerie unerbittlich vorwärts bewegt, gibt es - gerade da draußen im Web - eine Menge Leute, die Dinge kostenlos anbieten, einfach nur, weil sie Freude an etwas haben. Da sind die kleinen Hobby-Programmierer, die fantastische Freeware in den heimischen vier Wänden zaubern, Fotografen und Künstler, die ihre Bilder unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlichen, unzählige Blogger, die teilweise qualitativ der einschlägigen Presse den Rang ablaufen und natürlich auch eine stetig wachsende Zahl an Bands, die ihre Mucke einfach so ins Netz stellen. Zu diesen Leuten will ich gehören, zu dieser Bewegung möchte ich TimeMage zählen.

Die Qualität der Musik - und darum geht es hier ja immer noch - macht sich ja auch inhaltlich bemerkbar. Statt Drachen, Krieg und Saufen geht es bei Euch diesmal um Paranormales, Transzendentes, Spiritualismus, „Supernatural goes Metal“...
...Kryptozoologie und ein bisschen Esoterik. Dieser Themenkomplex fasziniert mich, weshalb ich den ja auch schon öfters angeschnitten habe. Diesmal ist thematisch nur ein ganzes Album draus geworden.
Da steckt ja auch echt Arbeit und einiges an Recherche drin. Mich interessiert dieses Zeug ja auch, aber bei Black Invocation habe ich doch ein wenig Neues entdeckt... Packt Dich bei der Recherche auch ein wenig der Grusel oder lassen dich die Geschichten eher kalt?
Das stimmt, ich recherchiere für diese Konzeptalben bereits im Vorfeld ziemlich viel, wobei ich mich auf diesem Feld schon ziemlich gut auskannte. Von der Thematik des Paranormalen geht für mich ein ganz großer Reiz aus. Ob ich daran glaube, das ist eine andere Sache, aber ich schließe grundsätzlich nichts aus, weil es eine Menge Dinge gibt, die die Menschheit noch nicht versteht. Jede Wissenschaft wurde, bevor sie als bestätigt und anerkannt galt, immer zuerst verlacht. Nur weil wir etwas nicht nachweisen können, bedeutet das nicht, dass es nicht existiert, solange es keinen Gegenbeweise gibt. Mir ist es auch ganz wichtig, die Thematik eines Songs atmosphärisch in der Musik aufzufangen. Man muss quasi schon hören können, um was es da geht.

Da kommt Dir Deine Soundtrack-Vorliebe echt zu Gute...Wie glaubwürdig ist denn im heutigen Zeitalter Geisterfotos wie das von Jane Churm im Netz zu finden?
Es wurde schlichtweg nicht widerlegt. Niemand konnte es bisher als Fälschung entlarven, obwohl das Negativ ausgiebig untersucht wurde. Vielleicht stellt sich irgendwann doch heraus, dass es ein Fake ist, aber bisher ist dies nicht der Fall.
Welche Story von Black Invocation hat Dich denn am meisten gefesselt?
Eigentlich die der Fox Sisters, die ich im Song „Mr. Splitfoot“ verarbeitet habe. Du kannst Dich stundenlang in dieses Thema einlesen, weil es so unglaublich viel Material gibt. Ich hab mir bei der Recherche sogar alte Zeitungsartikel durchgelesen und die haben mich wirklich in ihren Bann gezogen.

Haben Dich diese Themen dann auch in Richtung der Musik gebracht, die Du jetzt unter Deinem Namen machst gebracht. Da kann man ja wunderbar das Kopfkino dazu anwerfen...
Eher nicht. Ich hatte einfach mal Bock drauf, so ein ruhiges, instrumentales Album zu produzieren. Es kamen immer wieder Leute zu mir, die die Klavier-Tracks auf den TimeMage-Alben mochten und da habe ich mir gedacht, dass ich von so etwas mal ein komplettes Album aufnehmen könnte. Das macht mir momentan auch richtig viel Spaß.


Ist TimeMage damit auf Eis gelegt?
Nein, auf keinen Fall! Mir spuken schon wieder massig Ideen für ein neues TimeMage-Album im Kopf herum, über die ich mit den Jungs auch schon gesprochen habe. Ich weiß nur noch nicht genau, wann wir diese Pläne angehen werden. Soviel kann ich aber schon sagen: Es wird wieder ganz anders!


Hast Du TimeMage eigentlich schon einmal auf der Bühne präsentiert?
Nein, es ist ein reines Studio-Projekt. Das Tüfteln an Songs bereitet mir die meisten Freude und ich wüsste auch nicht, wie ich das zeitlich unterbringen sollte. Wir gehen geregelten Jobs nach und sind auch in unserem Privatleben eingespannt.

Dann würde ich sagen: Freuen wir uns auf die nächste Veröffentlichung von TimeMage. Die letzten Worte des Interviews sind Dir.
Es hat Spaß gemacht, nach all der Zeit mal wieder mit Dir zu plaudern! Den aufgeschlossenen Metalheads da draußen möchte ich sagen: Hört einfach mal in unsere Mucke rein, wir würden uns sehr freuen!







geführt am 20.03.2013   von Nameless
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