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Samael "Eternal Black Trip"
Bereits wenige Monate nach der triumphalen Rückkehr der dunklen Krieger in Abtsgmünd rauscht es wieder einmal im Blätterwald und es beginnt eine kleine Schlammschlacht, an der sich auch einige marktführende Musikzeitschriften im Metal Bereich beteiligen. Wieder einmal geht es um die Querelen der Band mit ihrer Plattenfirma Century Media und wieder einmal sind es die leidigen verschiedenartigen Vertragsauslegungen, die die Bombe platzen lassen. Gerüchte und Intrigen tun ihr Übriges und wieder einmal stehen Samael mit dem Rücken zur Wand, müssen sich als Lügner und Betrüger bezeichnen lassen; der Abzocke sollen sie sich schuldig gemacht haben und überhaupt ein vollkommen indiskutables reines Elektroalbum für CM eingespielt haben, was sich keinesfalls über das Markenzeichen Samael verkaufen ließe. Was ist da denn schon wieder los? Fragen sich viele und gehen grübelnd und gedankenversunken in die Weihnachtsferien. Wie es sich für das Fest des Friedens gehört, glätten sich die Wogen aber ein wenig und siehe da: von einer Doppel-DVD im Januar ist plötzlich die Rede und von einer ausgedehnten Europatour im Februar mit Cathedral. Da trifft es sich, dass zu Weihnachten ein DVD-Player unterm Tannenbaum liegt und Oma Bertas Fuffi reicht dann auch noch für ein Eintrittsbillett in die 60er Jahre Hallen „Faust“ nach Hannover, wo ich Vorph, den Hohepriester der dunklen Muse höchstselbstens zu einer Audienz treffen soll. An einem kalten Februarabend erreiche ich das dunkle Schloss durch ein gewaltiges Eichenportal. Eine eiserne Treppe hinauf und... Vorph sitzt gemütlich auf dem abgewetzten Sofa, mit Hingabe in die Lektüre Spinozas vertieft. Mas flachst auf französisch mit einem struwwelhaarigen Musikfreund der von Zeit zu Zeit wiehernd auflacht, Makro hockt am Tisch und blättert ein wenig zerstreut in einer Illustrierten. Es riecht nach Gemüse, eine Waschmaschine läuft, geschäftiges Treiben hier und da. Baruch de Spinoza (1632-1677) hatte um 1662 in seinem Werk „Ethik“ einen Pantheismus entwickelt, nach dem Gott die alles umfassende Natur ist und alle endlichen Wesen Ausprägungen dieser ewigen Substanz sind...Prost Mahlzeit! Ob er auch Schiller kenne? frage ich Vorph ganz frech, als er mein schüchternes „Bonjour“ freundlich erwidert, aber verneint und mich zum Sitzen einlädt. Vorph humpelt ein wenig und die Verdickung am rechten Wadenbein, die ich erst für den Abdruck gewaltiger Gladiatorboots hielt, stellt sich als lupenreiner Gips heraus: Vorph war einige Tage zuvor Opfer eines Unfalls geworden. Das dabei gebrochene Wadenbein musste operiert und mit 11 Schrauben fixiert werden. Auweia...“Ich werde im Sitzen spielen, kein Problem!“ schmunzelt mir der äußerst sympathische Schweizer zu. Na wenn das mal gut geht...
Weitere Infos zu Samael:
REVIEWS:
Samael On Earth
Samael Reign Of Light
Samael Antigod
Samael Lux Mundi
Samael Solar Soul - Re-release
INTERVIEWS:
Samael - Eternal Black Trip

Vorph, du kannst dir ja denken, was die meisten Fans da draußen interessiert...was habt ihr die vergangenen drei/vier Jahre getrieben, die letzte Tour war meines Wissens die Tour mit Grip Inc. im Jahr 1999...?
Na ja, ein paar Einzelgigs haben wir ja zwischendurch auch in Deutschland gespielt, aber du hast recht: die letzte Tour ist verdammt lange her. Wie du vielleicht gehört hast, hatten wir einige Schwierigkeiten mit unserem Plattenlabel Century Media, die immer noch bestehen, so dass ich im Moment nichts darüber sagen will, die Dinge sind noch in der Entwicklung. Ich denke, wir haben ein paar Fehler gemacht und das Label hat ein paar Fehler gemacht – im Moment ist noch nicht klar ersichtlich, wie es mit uns weitergeht, die strittigen Punkte sind noch immer nicht geklärt. Aber wir waren entschlossen unser Album live zu promoten, und deshalb fahren wir auch diese Europatour.
 
Album? Welches Album? Euer letztes Album ist doch noch immer „Eternal“ und das stammt aus dem Jahr 1999!
Ja, aber als wir mit Grip Inc. unterwegs waren, war „Eternal“ ja noch gar nicht veröffentlicht, wir haben das Album also nie live vorgestellt. Ich weiß, das ist ein bisschen strange, aber so ist es nun mal. Der Vorteil dabei ist aber, dass die meisten Fans das Album mittlerweile auswendig kennen dürfte und das macht die Sache dann wieder etwas reizvoller.
 
Es gibt ein neues Album, oder Projekt, an dem sich die Gemüter zur Zeit sehr erhitzen: Era One. Was hat es damit auf sich? Ist „Era One“ das neue Samael-Album oder „nur“ ein Projekt?
Es handelt sich definitiv nur um ein Projekt. Die Musik ist sehr atmosphärisch und smooth und hat eigentlich nicht sehr viel mit der Musik zu tun, die wir mit Samael normalerweise machen. Wir haben lange überlegt, ob wir das unter dem Namen Samael veröffentlichen können oder nicht und sind zu dem Schluss gekommen, dass das nicht zu machen ist. Die Musik von „Era One“ besteht eigentlich nur aus Keyboards und programmierten Drums.
 
Aber es gab doch auch schon in der Vergangenheit reine Elektrosachen von euch; wenn man nur an die harten EBM- und House-Tracks der „Exodus“-Scheibe denkt...
Gut, wir waren diesen Dingen gegenüber eigentlich immer sehr aufgeschlossen und haben auch viel im Studio experimentiert, aber so deutlich wie bei Era One noch nie zuvor. Mit Samael wollen wir diesen Weg nicht zu weit beschreiten.
 
Du meinst damit doch, dass zu Samael immer harte Gitarren und eine Portion Heavy Metal gehören werden?
Ich denke, es macht keinen Sinn, diese Elemente auszulöschen. Wir haben als Metalband angefangen und sind immer eine geblieben. Wir haben versucht, und weiterzuentwickeln, Dinge auszuprobieren. Dabei wollen wir unsere Roots aber nicht verlieren. Es ist wichtig, dass man eine feste Grundlage hat, von der aus man neue Wege gehen, zu der man aber auch zurückkehren kann.
 
Es ist ja durchaus auch von Bedeutung, was der Fan von euch erwartet. So sind es doch gerade die harten Gitarren, die sozusagen den roten Faden darstellen, der alle eure Alben von euch durchzieht.
Ganz genau. Das ist Samael und das wollen wir auch beibehalten. Um also noch mal auf das Projekt zurückzukommen: Era One ist kein Metal. Trotzdem dürfen sich natürlich auch „normale“ Samael-Fans die Scheibe anhören und deshalb spielen wir sie auch auf dieser Tour während der Umbaupause. Wir wollen den Leuten damit einen Eindruck vermitteln, aber natürlich auch sehen, wie diese Art von Musik ankommt.
 
Und wie reagieren die Fans darauf?
Ganz unterschiedlich, aber das konnte ja nicht anders sein.
 
Wenn man sich einmal alle eure Alben, angefangen bei eurer ersten MiniLP „Medieval Prophecy“ (1989) bis „Eternal“ (1999) nebeneinander legt, bekommt man den Eindruck, dass ihr einer permanenten künstlerischen Metamorphose unterworfen wart. Wie stehst du heute zu euren ersten beiden Platten? Und überhaupt: Wer sit eigentlich der entzückende nackte Mann, der im Inlay von „Worship Him“ vor dem Altar des Höllenfürsten kniet? Das ist doch wohl nicht Vorphalack?
Doch, das ist er!
 
„Worship Him“ ist ein düsteres, bösartiges Black Metal-Album, morbide und nihilistisch...
...ja das mag wohl sein. Es ist definitv nicht die Art von Musik, die ich heute bevorzuge. Es ist nicht genug. Trotzdem stehe ich dazu. Als Teenager bist du ständig auf der Suche nach dir selbst. Du willst deine eigenen Erfahrungen machen und so ein Album ist „Worship Him“. Ich würde es nicht verleugnen, aber es passt heute nicht mehr zu meiner Sicht der Dinge und zu Samael.
 
Trotzdem ist beispielsweise der Song „Into The Pentagram“ (der übrigens auch schon auf „Medieval Prophecies“ die Hälfte des Songmaterials ausmachte..., der Verfasser) einer der stärksten, die ihr je gemacht habt, erscheint ja dann auch noch einmal in neuem Gewand auf „Rebellion“ und war der heimliche Höhepunkt auf der „Passage-Tour“. Ein Killer! Wie wäre es, wenn ihr den Song heute abend für mich spielt?
Heute abend leider nicht. Vielleicht ein anderes Mal.
 
Du hattest ja eingangs erwähnt, dass ihr Ärger habt mit eurem Plattenlabel Century Media. Kannst du uns kurz mal erklären, worum es dabei geht? Immerhin scheinen die Emotionen und auch die Sensationsgier ja mit einigen Leuten durchgegangen zu sein...
Eigentlich geht es nur darum: Wir wollen weg von Century Media. Es gab kleinere Unstimmigkeiten und vor allem ging es darum, ob wir noch für ein Album vertraglich verpflichtet sind oder nicht. Diese Sache war niemals klar, wir haben niemals darüber Einigkeit erzielt. Wir haben in der Vergangenheit auch nie eine klare Aussage seitens der Plattenfirma vernommen, erst als wir signalisierten, sie verlassen zu wollen, kam das Thema auf. Wir denken, dass wir mit unseren Veröffentlichungen unseren Vertrag erfüllt haben. Ich will dir ein Beispiel nennen: CM haben „Worship Him“ wiederveröffentlicht („Worship Him“ erschien 1990 ursprünglich über Osmose Productions, aufgrund einer Vereinbarung zwischen Osmose und CM kam der Rerelease zustande, der Verfasser). Dann gab es auch diese „Best Of“-CD und schließlich haben wir mit „Rebellion“ und „Exodus“ zwei Mini-LPs veröffentlicht, die beide eine Spielzeit von etwa 30 Minuten haben. Es ist halt die Frage, wie man diese Releases bewertet. Ein Richter könnte „Ja“ oder „Nein“ sagen, die Frage ist nun einmal nicht geklärt.
 
Mit „Blood Ritual“ habt ihr ja euer erstes Album für CM produziert. Ich nehme mal an, dass der Sprung von Osmose zu CM euch doch Vorteile gebracht hat, die Arbeit der Plattenfirma also anfangs so schlecht wohl nicht gewesen sein kann.
Gut, also für dich als Band ist sie nie gut genug. Du willst immer mehr und mehr, und zwar immer so, wie du es willst. Ganz vorsichtig gesagt, war die Arbeit von CM „O.K.“. Was uns störte, war, dass sie öfters Dinge versprachen und sie dann nicht hielten. Wir wussten zum Beispiel, dass live spielen und touren für uns und unsere Musik extrem wichtig ist, in diesem Bereich ist nicht alles optimal gelaufen.
 
Aber es gibt auch nicht viele Label, die eine solche radikale musikalische Entwicklung, wie ihr sie durchgemacht habt, so respektiert und mitgetragen hätten...
Ja, da gebe ich dir recht.
 
...und ihr habt viel und oft live gespielt. Ich würde sagen, für den Fan schien die Arbeit von CM optimal.
O.K., kann sein; von außen sehen die Dinge eben immer ein bisschen anders aus. Und die Touren haben nicht unbedingt was mit dem Label zu tun.
 
O.K. Es gibt zwar kein neues Album von euch, aber etwas anderes: Eine Doppel-Live-DVD „Black Trip“. Ich nehme an, du hast das Teil schon gesehen. Was hältst du davon?
Ich habe bisher nur ein paar Ausschnitte gesehen, noch nicht die ganze DVD. Ich sage dir ganz ehrlich: Die DVD war keine Sache, die wir tun wollten; das war eine Sache, die CM machen wollten. Sie haben entschieden, dass es die richtige Zeit war, eine DVD zu veröffentlichen und so waren wir auch weder in die Titelauswahl oder die Gestaltung der Special Features involviert. Versteh mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen die Veröffentlichung, mittlerweile glaube ich auch, dass es wichtig war, dass von uns mal wieder etwas neues in den Regalen steht.
 
Es scheint ja so zu sein, dass CM mit „Black Trip“ versuchen würden, ein paar ältere Fans zurückzugewinnen. Da wäre einmal die Titelwahl, die Verwendung des alten Logos und natürlich auch der oberkultige Livemitschnitt eines Clubgigs in Amerika 1994. Ein furchtbares Inferno.
O, ja, das war schon hart. Wir spielten unter den miesesten Bedingungen, Dementsprechend chaotisch geht es auf dem Videomitschnitt zu. Die 1994er Tour war aber trotzdem eine wichtige Erfahrung für uns. Mit ein wenig Abstand kann ich auch drüber lachen.
 
Der andere Livemitschnitt (neben einer Aufnahme aus Krakau während der „Passage“-Tour 1996) dokumentiert den grandiosen Auftritt auf dem Summer Breeze Open Air 2002 in Abtsgmünd. Hast du irgendwelche Erinnerungen an diesen betreffenden Sommerabend in Schwaben?
Ja, es war eine wirklich gute Show, rundum gelungen. Es war die erste Show mit Makro und alles hat prima geklappt.
 
Ich finde der Sound auf der DVD ist recht dumpf, kein Vergleich für jemanden, der vor Ort war, und sich an eine glasklaren mächtigen Soundwand zu erinnern glaubt...
Ja das sagt Makro auch.
 
Ansonsten bringt die DVD aber das Feeling recht authentisch rüber. Ein magischer Auftritt mit enthusiastischen Fans, die ja auch das neue/alte „Eternal“-Material begeistert angenommen haben. Ihr habt ja sogar einen Song des Era One-Projektes als Intro benutzt...?
Ja, das werden wir heute auch wieder tun.
 
Lass uns doch noch mal über euer erstes Album sprechen. Mich würde mal interessieren, was für musikalische Einflüsse ihr damals gehabt habt.
Also wir haben damals alles an extremer Musik gehört: Death Metal, Black Metal, Thrash Metal – das ganze Programm. Auf „Worship Him“ wollten wir aber dann das machen, was wir machen wollten. Es ist eine sehr primitive Platte und spiegelt ungefähr den Zenit unseres damaligen musikalischen Könnens. Ich habe damals sehr viel Celtic Frost und Bathory, ganz besonders aber Venom gehört. Diese drei Bands waren sozusagen das Trio meiner Jugend.
 
Textlich ging es ja ziemlich satanisch zu...
Ich war damals eigentlich vor allem am Okkultismus interessiert. Alles, was nicht in der Schule oder in den arrivierten Wissenschaften gelehrt wurde, hat mich interessiert, also nicht die Bücher, die die gewöhnlichen Leute lasen, haben mich gefesselt. Ich war auf der Suche nach dem „ganz Anderen“. Ich will nicht sagen, dass ich da irgendetwas gefunden habe, aber ich bin auf Dinge, auf Sichtweisen gestoßen, von denen ich Elemente für mich nutzen konnte. Ich habe sie eigentlich nur kompiliert und zusammengesetzt.
 
Das ganze Konzept war also noch nicht so ausgereift...
Das ist ja nun auch schon fast 15 Jahre her.
 
Die Widmung auf „Worship Him“ (Auf der Rückseite der Platte widmeten Vorph und Xy die LP ihrem Vater, der Verfasser) bezieht sich auf deinen und Xys Vater, der 1987 starb?
Ja.
 
Gab es in der Anfangszeit eigentlich irgendwelche Verbindungen und Beziehungen zur norwegischen Black Metal-Szene?
Gut, es gab damals Mayhem, mit denen standen wir in recht engem Kontakt, es gab Briefwechsel, wir haben Tapes getauscht. Das war aber, bevor dieser ganze Zirkus da oben losging.
 
Es war ja auch nach Deads Selbstmord von Gehirnsplittern die Rede, die per Post zu euch in die Schweiz gelangt sein sollen...
Das war Mas, der hat tatsächlich ein Stück Gehirn von Dead bekommen. Du musst dir das so vorstellen: Wir haben ständig irgendwelche Gimmicks bekommen, Bilder von Transsilvanien oder Fotos von irgendwelchen Burgruinen, wo sie sich gerade rumtrieben, einmal war eben auch ein Stück Hirn dabei. Sick!
 
Wie denkst du denn überhaupt über die ganze Norwegerszene und ihre kranken Auswüchse wie Rassismus, Faschismus und Neo-Nazitum?
Ich denke, das ist die Sackgasse, in die du gerätst, wenn du versuchst, die Extreme auf die Spitze zu treiben, wenn du versuchst, die letzten Tabus und Grenzen zu durchbrechen. Wenn du die Extreme ausreizen willst, gelangst du ganz zwangsläufig an diesen Punkt. Du drehst dich wie in einer Spirale dem Abgrund entgegen und es ist eine Frage der Intelligenz, ob du es schaffst, dem Strudel zu entrinnen. Misanthropie ist die eine Sache, die andere ist, wenn du den Sündenbock für alle deine Probleme und Frustrationen suchst. Eine solche Sichtweise ist von Grund auf völlig falsch, aber ich kann den Weg in ein solches Loch nachvollziehen.
 
Ganz frei von solchen Sichtweisen scheint ihr früher ja auch nicht gewesen zu sein. Ich erinnere mich da an ein T-Shirt-Motiv, das Jesus mit Hitler in Verbindung brachte, wobei der ‚Slogan’ „Ein Volk-Ein Reich-Ein Führer“ etwas missverständlich ausfiel.
Das war eine reine Provokation. Ich weiß, dass das natürlich insbesondere in Deutschland eine äußerst gewagte Angelegenheit war. Aber ich denke, die meisten Leute haben das Motiv richtig verstanden. Es ging uns natürlich nicht um eine NS-Verherrlichung, das haben wir auch immer betont und den Leuten, die die Geschichte hinter dem Hakenkreuz nicht kannten, erklärt.
 
Es ging euch also darum, das diktatorisch organisierte Christentum, das in der Auslegung der christlichen Lehre praktizierte Führerprinzip anzuprangern. Aber kann man denn die Kirche mit dem politischen Faschismus gleichsetzen?
Die Parallelen sind doch offensichtlich. Grundsätzlich geht es bei Beidem um eine monotheistische Weltanschauung, die Vorstellung, es gäbe da nur das Eine, die eine Meinung, die eine Lebens- und Denkweise, den einen Führer und den einen Gott. Das ist die Sklaverei der Seele, denn man nimmt den Menschen, die unter einem solchen Diktat leben, die Möglichkeit, andere Positionen, Lehren und Gedanken aufzunehmen.
 
Euer zweites Album „Blood Ritual“ hielt nach dem wüsten Geholze des Erstlings die ersten musikalischen Veränderungen bereit. Ihr habt das erstemal mit Waldemar Sorychta als Produzenten zusammengearbeitet, die Scheibe klingt runder, viele von den überwiegend langsamen Songs sind bereits stark von Keyboards dominiert.
Ja, ich denke mit „Blood Ritual“ fing unser Weg an. Wir wollten ein schweres, hartes und tiefgehendes Album aufnehmen, die Keyboards sollten der Schaffung einer dunklen Atmosphäre dienen. Dabei stammte das meiste Songmaterial noch aus der Zeit unserer ersten beiden Veröffentlichungen.
 
Ihr ward danach 1993 ja dann erstmals auf Tour in Deutschland, wo ich euch das erstemal sah. Soweit ich mich erinnere, wart ihr damals noch ohne Rodolphe an den Keyboards unterwegs.
Ja, Rodolphe kam nach der Tour 1993 in die Band.
 
Damals hast du das Publikum immer mit „Hail Satan!“ begrüßt...
Ja, so war das damals. Das hatte aber keine besondere Bedeutung. Man benutzte so etwas, um seine generelle Anti-Haltung deutlich zu machen.
 
Der nächste Schritt war „Ceremony Of Opposites“ und wie ich finde der entscheidende.
Ja mit „Ceremony Of Opposites“ haben wir herausgefunden, wie unser Weg in die Zukunft aussehen würde. Xy hat damals schon begonnen, alles im Alleingang zu komponieren und zu programmieren. Wir wussten also damals, dass Xy in Zukunft die Musik komponieren würde, während ich allein für die Texte verantwortlich war. Deshalb begann ich, die Lyrics ein bisschen ernster zu nehmen, sie interessanter und tiefsinniger zu gestalten. Ich hatte hier also plötzlich alle Freiheiten und die habe ich auch genutzt. Die Texte waren nicht mehr so rebellisch, wie früher, sie wurden intellektueller und tiefer. Ich denke, „Ceremony Of Opposites“ ist textlich das extremste, was wir je gemacht haben, ich glaube nicht, dass wir das noch mal toppen hätten können.
 
...und die Keyboards begannen allmählich die Hauptrolle zu spielen...
Ja, das auch. Aber wir integrierten die Keyboards zu dem Zeitpunkt noch in die Songs und nicht umgekehrt. Erst mit „Rebellion“ änderte sich das.
 
Ja die Musik auf „Rebellion“ wies auf jeden Fall verstärkte elektronische Einflüsse auf. Habt ihr bei dieser Aufnahme eigentlich auch schon Drumcomputer benutzt?
Ja, das war zwar noch ein echtes Schlagzeug, aber mit „Static Journey“ hatten wir auf „Rebellion“ den ersten reinen Elektro-Song unserer Karriere.
 
Mir ist aufgefallen, dass ihr seitdem immer wieder altes Material auf euren folgenden Scheiben neu interpretiert habt. Viele haben euch daraufhin Ideenmangel vorgeworfen. Ich aber glaube, es war der Versuch, den Bogen von den „alten“ Samael zu den „neuen“ Samael zu spannen. Dann kam die Entscheidung, ganz auf „echte“ Drums zu verzichten und nur noch mit programmierten Drums zu arbeiten.
Ja, das war kurz bevor wir „Passage“ aufnahmen. Wir hatten ein paar Songs, wo sich das einfach anbot; Rodolphe hatte die Band verlassen und wir fragten uns zu dieser Zeit, wer Keyboard spielen könnte. Xy wollte das gerne übernehmen, gleichzeitig kam ein neuer Schlagzeuger aber für ihn nicht in Frage. So kam es ziemlich schnell zu der Entscheidung für den Drumcomputer. Ich meine, dieser Schritt erscheint härter als er eigentlich war. Viele Bands arbeiten im Studio mit programmierten Drums oder Triggern, nur wir wollten diese Sache auch auf der Bühne durchziehen. Das war auch die einzige Befürchtung, die wir und die Plattenfirma damals hatten: dass Samael mit Drumcomputer live nicht funktionieren würden.
 
Ich finde, dass es einen Unterschied machen würde, wenn nur eine Maschine auf der Bühne stehen würde. Aber Xy ist ja immer noch da, greift von Zeit zu Zeit noch mal zu den echten Sticks und springt immer noch wie ein Besessener hinter seiner künstlichen Schießbude herum. Das ist doch ein ganz wichtiges Element in eurer Live-Performance.
Das ist auch für Xy total wichtig. Er kann es nicht leiden, wenn „die Dinge einfach passieren“, er muss immer Einfluss auf den Ablauf der Rhythmen haben. Deshalb variiert er ja auch oft das Tempo oder legt Breaks ein.
 
Ich kenne viele, denen das zu viel war, die gesagt haben: ohne Schlagzeug – kein Samael.
Kann ich mir denken. Allerdings machen wir keine Musik nur um den Leuten zu gefallen. Das war unsere Entscheidung, es in Zukunft so zu machen, wir mussten es sozusagen für unsere Entwicklung tun. Wir konnten keine Rücksicht auf die Leute nehmen, denen es nicht gefallen würde.
 
Habt ihr deiner Meinung nach mit „Passage“ mehr Fans verloren oder mehr neue hinzugewonnen?
Wir haben definitiv Fans dazu gewonnen, denn „Passage“ verkaufte sich um Längen besser, als „Ceremony Of Opposites“. Andererseits ist das auch schwer einzuschätzen, wer die Band neu entdeckt, verlässt oder seine Sympathien wiederentdeckt. Ich habe Leute kennen gelernt, die Samael nach „Passage“ nicht mehr mochten, aber mit „Radiant Star“ vom „Eternal“-Album Samael wiederentdeckten.
 
Ich denke, „Passage“ ist ein Meisterstück, die perfekte Symbiose aus harter Elektronik und brutalen Gitarren und Gesang.
Freut mich, das zu hören.
 
Auf der neuen DVD „Black Trip“ gibt es ja auch einen kleinen Eindruck von den Studioaufnahmen zu „Passage“, zum Beispiel ein recht witziges Vollplayback von dir bei „Rain“...
Ja, das war ein bisschen albern. Wir waren im Studio in Gelsenkirchen und da kam ein Fernsehteam und wollte einen kurzen Beitrag über Samael abdrehen, für Viva glaube ich. Das Ding wurde übrigens nie gesendet. Es war wirklich ganz schön blöd, besonders dieses „falsche“ Playback. O, mein Gott! Na ja, was soll’s.
 
Textlich hast du mit „Passage“ die Apokalypse entdeckt...
Nun, das Thema spielte vorher schon eine Rolle bei Samael, aber ich würde eher sagen, dass „Passage“, was die Texte angeht, sich eigentlich schwerpunktmäßig mit dem Thema Krieg auseinandersetzt. Ich wollte nicht zu „dunkel“ werden, deshalb würde ich sagen, das „Passage“ ein „graues“ Album ist, also sich auch viel auf die Realität bezieht. Dazu passt auch das Cover: es ist der Mond; auch der Mond leuchtet, aber es ist ein kaltes Licht, ganz das Gegenteil des Sonnenlichtes. „Passage“ ist eben kein „sonniges“ Album.
 
Besonders bei „Rain“ geht es doch um das Weltende, die Läuterung der Menschheit, das Ende der Zeiten...
Das Ende welcher Zeit? Ich glaube, dass es niemals ein Ende gibt, alles, was vergeht, neu entsteht, wenn auch in anderer Form. Es geht bei „Rain“ um das Ende von irgendwas, also nicht um ein absolutes Ende. Diese Negativität wirst du auf „Passage“ nicht finden.
 
Für „Jupiterian Vibe“ habt ihr dann auch ein Video abgedreht.
Na gut, wir haben ja auch für „Baphomet’s Throne“ schon ein Video gemacht. Das ging auf die Initiative von CM zurück und die Dinger wurden auf MTV und Viva auch gesendet, als es die betreffenden Metalprogramme noch gab.
 
Neben der Apokalypse hast du mit „Passage“ auch viele Gedanken, die den Kosmos betreffen, verarbeitet.
Ja, da haben wir begonnen, das Thema auszuprobieren. Mit „Eternal“ haben wir das dann aber noch ein bisschen weiter getrieben. Es geht mir dabei vor allem immer um die Beziehung des Makrokosmos zum Mikrokosmos. Also es ist nicht die Alien- oder UFO-Ecke, sondern eher ein Nachdenken über die großen Zusammenhänge.
 
Nach „Passage“ kam „Exodus“, ein sehr elektronisches Mini-Album...
Es gibt einen großen Unterschied zwischen „Rebellion“ und „Exodus“: Für „Rebellion“ sind wir extra in ein Studio gegangen und haben die Platte aufgenommen, es gab also einen Existenzgrund für die Platte. „Exodus“ ist während der „Passage“-Sessions entstanden, und zwar nur weil CM uns rieten, mehr aufzunehmen als wir ursprünglich vorhatten. Wir wollten also „Exodus“ eigentlich überhaupt nicht machen, nur CM hatten ein Interesse daran. Das hat uns im Rückblick schon ziemlich gestört. Wenn man uns 1998 vom Label aus die Möglichkeit gegeben hätte, ins Studio zu gehen und etwas Neues aufzunehmen, dann würde die Sache ganz anders ausgesehen haben. So hatten wir keinerlei Einfluss auf die Gestaltung und den Release der Scheibe.
 
Das aktuelle Album ist seit 1999 immer noch „Eternal“, meiner Meinung nach die logische Konsequenz nach „Rebellion“, „Passage“ und „Exodus“. Textlich gehst du auf „Eternal“ tiefer in die kosmischen Dinge, zum Teil esoterisch und sehr anspruchsvoll.
Ich denke, man braucht für die Texte nicht unbedingt ein spezielles Wissen oder eine esoterische Vorbildung. Auf „Eternal“ dreht sich vieles um das Leben an sich, also Gefühle, Eindrücke, Stimmungen, die Jedem begegnen oder begegnen können.
 
Es ist auch das erste Album, das ihr nicht mit Waldemar Sorychta (Hausproduzent von CM, der Verfasser) aufgenommen habt. Waren das schon die ersten zeichen des Knatsches mit CM?
Nein auf keinen Fall. Wir sind sehr gut mit Waldemar befreundet und immer gut mit ihm ausgekommen. Aber er selbst hat schon bei den „Passage“-Aufnhamen zu uns gesagt, er vermute, dass wir in Zukunft einen anderen Produzenten bräuchten, einen, der sich besonders im elektronischen Bereich besser auskennt.
 
Die Texte auf „Eternal“ kamen mir außerdem recht persönlich vor, sogar Liebesthemen sind dabei, wenn ich an die Songs „Us“ oder „Together“ denke.
Ja, das kann man so sehen, das ist aber nicht alles. Es geht eigentlich bei beiden Songs ganz allgemein um Beziehungen. Das kann man als Liebestexte lesen, aber im Prinzip geht es um Trennung und fehlende Bindungen. „Us“ ist allerdings schon ein bisschen anders gelagert...
 
Ich verstehe.
He, he, he.
 
Dann sticht aber auch besonders “The Cross” hervor, wo es zwar vordergründig wohl um die Christianisierung der Schweiz geht, aber trotzdem mehr dahinter steckt, als „nur“ ein weiterer Text gegen das Christentum. Meiner Meinung nach steckt da auch eine gehörige Portion Patriotismus drin.
Ja, das kann ich nicht abstreiten. Du weißt selbst, das die Schweiz in der Weltpolitik immer ein wenig belächelt wird. Die Schweiz ist aber ein schönes Land, und wir sind schöne und nette Menschen, wie du siehst. Auslöser für den Text waren diese Vorgänge in der USA vor einiger Zeit, wo man den Schweizern unlautere finanzielle Machenschaften während des Zweiten Weltkrieges vorgeworfen hat. Ich fand die Berichterstattung damals ganz schön einseitig, und beschloss, mal etwas über die schönen Seiten der Schweiz zu schreiben.
 
Wie wird die Zukunft von Samael aussehen. Bei „Era One“ handelt es sich ja nur um ein Projekt von Xy und dir.
Das kann ich dir im Augenblick nicht genau sagen. Wir werden zunächst diese Tour beenden, vielleicht geht es mit demselben Package noch in die Staaten. Danbach müssen wir weitersehen. Zunächst sind da ja immer noch die Schwierigkeiten mit CM, die wir noch klären müssen. Danach können wir in Ruhe an unserem neuen Album weiterarbeiten und ins Studio gehen. Wir haben schon ein paar Sachen fertig, es war ja nun nicht so, dass wir die ganze Zeit auf der faulen Haut gelegen hätten.
 
Und es wird ein klassisches Samael-Album mit fetten Gitarren...?
Ja, ich denke es wird sogar härter und metallischer ausfallen als „Eternal“, die Gitarren werden mehr im Vordergrund stehen.
 
Mir fällt ein Stein vom Herzen. Am Schluss aber noch einmal etwas unerfreuliches. Wie kam es denn zu dem Unfall und dem Beinbruch? Bist du aus dem Bett gefallen oder beim Skaten ausgeglitten?
Jaha beim Skaten, das ist genau das, was ich in meiner Freizeit gerne tue. Nein, ich habe das Bein einfach gebrochen und werde deshalb auch nachher im Sitzen spielen. Keine Angst: Es ist ein hoher Stuhl und ich werde mich auch ein wenig bewegen.
 
Vorph, Vielen Dank für deine Geduld und deine Offenheit. See you on Stage!

 
geführt am 12.06.2003   von Burghardt
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